Interview mit Annegret Becker-Baumann

Annegret Becker-Baumann

Foto: © Annegret Becker-Baumann

Interview vom DAV mit Annegret Becker-Baumann

„Wohl dem, der seiner Ahnen gern gedenkt.“ (Goethe)

 

Klemens Ludwig sprach mit ihr über das reiche astrologische Erbe, die noch unentdeckten Schätze der Astrologie und ihren Weg, ihr Hobby zum Beruf zu machen.


DAV: Du bist in Bonn mit dem Thema präsent „Schatzsucher einst und jetzt – die Astrologie im Wandel der Zeiten“. Ist das eine Einführung in die Geschichte der Astrologie?

Annegret Becker-Baumann: Keine Sorge, es wird keine typische historische Abhandlung, bei der ich mit Zahlen und Namen um mich werfe. Ich will deutlich machen, auf welch reiches Erbe wir zurückschauen und worauf wir stolz sein können. Diese Erkenntnis ist Teil meines eigenen astrologischen Weges, deshalb gebe ich sie gern weiter.

DAV: Magst du das näher erläutern?

Annegret Becker-Baumann: Ich begann vor über 30 Jahren, mich näher auf die Astrologie einzulassen. Damals gab es noch keine DAV-Zentren, und ich musste schauen, wo etwas angeboten wurde. So habe ich Seminare bei Edith Wangemann in Wuppertal belegt und Kurse bei Thorwald Dethlefsen bzw. seinem Schüler Nicolaus Klein in München. Ich bin dabei recht viel herumgekommen und traf auf das Buch von Wilhelm Knappich „Geschichte der Astrologie.“ Das war fast wie eine Offenbarung für mich. Ich war mächtig beeindruckt, welch einer großen Tradition wir entstammen, und mir war klar, darüber möchte ich mehr erfahren. Seit dem Zeitpunkt geht für mich die konkrete astrologische Praxis Hand in Hand mit dem immer tieferen Eintauchen in ihre Geschichte.

DAV: Gelingt es dir, beides miteinander zu verbinden – die praktische Arbeit und die Geschichte – oder läuft das parallel nebeneinander her?

Annegret Becker-Baumann: Das ist für mich eine Einheit, kein Nebeneinander. Wie kurz erwähnt, sind es ja nicht Namen und Fakten, die mich an unserer Vergangenheit interessieren, sondern Entwicklungen und Zusammenhänge. Und dabei bin ich immer wieder auf ganz spannende Geschichten und überraschende Erkenntnisse gestoßen.

DAV: Zum Beispiel?

Annegret Becker-Baumann: Zum Beispiel das Horoskop von Leonardo da Vinci, von dem lange Zeit eine falsche Version kursierte. Um das Horoskop korrekt zu berechnen, ist es wichtig, die lokale Tradition zu kennen. Es gab zu seiner Zeit noch keine einheitliche Zeitrechnung. Von Leonardo wurde gesagt, er sei am 15. 4. 1452 „in den Nachtstunden“ geboren. Das bedeutete zu seiner Zeit aber etwas ganz anderes als heute, der Tag begann am Abend ab dem Ave-Maria-Läuten nach der Vesper. Das führt zu dem Schluss, dass nach heutiger Rechnung Leonardo am 14. 4. geboren wurde. Für diese Erkenntnis war es nötig, sich tiefer in die Materie hineinzuknien.

DAV: Wenn man sich näher mit der Geschichte der Astrologie befasst, ist die Renaissance, deren universellster Vertreter Leonardo war, sicher eine besonders prägende und spannende Epoche. Teilst du die Ansicht?

Annegret Becker-Baumann: Auf jeden Fall. Die Renaissance ist das Tor zur Neuzeit, die Wiege unserer Kultur, und es lohnt sich immer, sich damit näher zu befassen. Oder anders ausgedrückt, die Astrologen und Denker der Renaissance sind unsere Ahnen, und, um Goethe zu zitieren, „wohl dem, der seiner Ahnen gern gedenkt.“

Die Renaissance wird der Einstieg bei meinem Vortrag sein. Auch viele der Debatten um die Astrologie, die heute geführt werden, haben in dieser Zeit ihre Vorläufer. Zum Beispiel Luther, der Astrologiegegner und Melanchthon, der Befürworter. An ihren Argumenten hat sich in 500 Jahren nicht viel geändert.

DAV: Und was können wir daraus lernen?

Annegret Becker-Baumann: Sehr viel, vor allem was den Umgang miteinander und die Toleranz angeht. Obwohl die beiden Reformatoren in Sachen Astrologie völlig unterschiedliche Positionen vertraten, haben sie sich sehr geschätzt und in vielen Bereichen hervorragend kooperiert. Davon könnten sich Gegner und Befürworter der Astrologie heute einiges abschneiden. Und es gibt noch andere Geschichten, etwa über Wallenstein und sein Horoskop, über Rudolf II. oder über Heinrich von Rantzau; Geschichten, die zeigen, wie spannend Geschichte sein kann.

DAV: Die Öffentlichkeit, erst recht außerhalb der Astrologie, nimmt wenig davon wahr.

Annegret Becker-Baumann: Das ist leider richtig, und das war ein weiteres Aha-Erlebnis für mich, das mich motiviert hat, noch tiefer in die Geschichte der Astrologie einzutauchen. Ich hatte mich schon früh für den Philosophen, Humanisten und Theologen Nikolaus von Kues interessiert, der sich auch intensiv mit der Astrologie befasst hat. Als ich 1993 sein Geburtshaus besuchte, musste ich erkennen, dass dort sein Bezug zur Astrologie vollkommen ignoriert wurde. Man erzählt uns nur die Hälfte, was nicht in das herrschende Bild passt, wird ignoriert. Das kann ich nicht akzeptieren.

DAV: Bleibst du in Bonn bei der Historie oder schlägst du den Bogen bis in die Gegenwart?

Annegret Becker-Baumann: Natürlich, zumal es auch in der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit sehr interessante und vielseitige Persönlichkeiten gibt. Ich selbst betrachte mich als Vertreterin der revidierten klassischen Astrologie, wie Thomas Ring sie auf den Weg gebracht hat. An ihm orientiere ich mich, also weg von Determinismus und Fatalismus. Und Thomas Ring war weit mehr als nur ein genialer Astrologe.

DAV: Du deckst selbst ein vielfältiges Spektrum ab. Eine Diplom-Agraringenieurin ist nicht unbedingt die geborene Astrologin. Wie verlief der Weg zu dem, was du heute machst?

Annegret Becker-Baumann: Als ich auf die Astrologie traf, arbeitete ich als Beraterin im ökologischen Landbau. Jahre später habe ich wegen meiner Kinder eine Auszeit im Beruf genommen, ohne zu ahnen, dass es eine Auszeit für immer sein würde. Ich fing nämlich an, mich in der Familienphase intensiv mit der Astrologie zu befassen. 1993 legte ich die DAV-Prüfung ab, während mein Mann im Flur davor den Kinderwagen mit unserem Jüngsten schob.

1996 wagte ich den Sprung, mein Hobby zum Beruf zu machen und machte mich als Astrologin selbständig. Damit war klar, dass ich nicht mehr in den ursprünglichen Beruf zurückkehren würde. In gewisser Weise blieb ich aber der Umwelt treu, denn in den ersten Jahren mietete ich für meine Kurse Räume im Umweltzentrum Hannover an. Seit 2004 habe ich ein eigenes Büro, und zwei Jahre später habe ich ein Ausbildungszentrum eröffnet.

DAV: Gelingt es dir, deinen Schülerinnen und Schülern die Geschichte der Astrologie so nahe zu bringen, wie es deiner Begeisterung für das Thema entspricht?

Annegret Becker-Baumann: Tja, die steht natürlich nicht im Zentrum der Ausbildung, und das Interesse der Schülerinnen und Schüler liegt in der praktischen Anwendung. Aber im dritten Ausbildungsjahr richte ich den Blick auf Nachbarbereiche, und dann wird auch die Geschichte zum Thema.

DAV: Herzlichen Dank, dass du die Geschichte unseres Fachs mit einer solchen Begeisterung vermittelst. Wir freuen uns sehr auf deinen Vortrag im Oktober in Bonn und ich bin sicher, die Begeisterung wird die Zuhörer erfassen.

Das Interview führte Klemens Ludwig.

Über die Referentin

Annegret Becker-Baumann

Annegret Becker-Baumann

E-mail:
Internet: www.astrologie-zentrum-hannover.de

 

 

 

 

Annegret Becker-Baumann, geboren 1952, ist Dipl.-Agraringenieurin der Fachrichtung Gartenbau. Mit der Astrologie beschäftigt sie sich seit 1983, seit 1996 arbeitet sie als selbständige Astrologin, und zehn Jahre später eröffnete sie das DAV-Ausbildungszentrum Hannover. Neben dem Unterricht und der persönlichen Beratung übt sie eine rege Vortragstätigkeit auch als Gastreferentin aus und publiziert zu den Themen, die ihr am Herzen liegen. Annegret Becker-Baumann ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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