Astrologische Beratung beim Deutschen Astrologen-Verband e.V. | Astrologie | Horoskop | Tierkreiszeichen


Über die Allgegenwärtigkeit der Astrologie

Mitte des 16. Jahrhunderts in Münster

Die astronomische Uhr im Dom zu Münster, Westfalen, Teil 2

 

Von Patricia Scharf

Auf einer Tafel am oberen Rand des Mittelteils wird mitgeteilt, welche Parameter auf der Uhr abzulesen sind. Die Übersetzung der Inschrift lautet: „Auf dieser beweglichen Uhr kannst Du neben vielem anderen und den geraden und ungeraden Stunden folgendes ablesen: den mittleren Gang der Planeten. Das aufsteigende und das absteigende Zeichen. Außerdem die Aufgänge und Untergänge einiger Fixsterne.

Foto: Konrad Dahlmann, Münster

Zudem die Herrschaft der Planeten in den astronomischen Stunden (Stundenherrscher) auf beiden Seiten des Werkes. Darüber (über dieser Inschrift) das Erscheinen der heiligen drei Könige. Unten befindlich der Kalender mit den beweglichen Feiertagen.“

Die astrologischen Parameter sind bei dieser Aufzählung in der Überzahl. Offensichtlich scheint es den Erbauern dieser Uhr sehr wichtig gewesen zu sein, der Astrologie einen großen Stellenwert auf ihrem Werk einzuräumen. Dass dieses Werk aber nicht nur für astrologieinteressierte Laien gedacht war, die durch die Tafelinschrift auf die wichtigen Bestandteile des Horoskopes (Planetenstände, Aszendent und Deszendent, Fixsterne und Stundenherrscher) hingewiesen werden; sondern auch für den fachkundigen Astrologen ein unabdingbares Hilfsmittel seiner Arbeit gewesen sein muß, läßt sich daran erkennen, dass hier alle astrologischen Determinanten (gradgenaue Planetenstellungen auch in den Häusern) abgelesen werden können, die die eigene Erstellung eines Horoskopes durch Himmelsbeobachtung überflüssig machen. Der Astrologe oder fachkundige Mediziner stellte sich lediglich vor die Uhr und „zeichnete“ das Horoskop (spiegelverkehrt) ab bzw. deutete es vor der Uhr.

Durch einen interessanten „Kniff“, der unter den erhaltenen astronomischen Uhren an der Münsteraner Uhr einzigartig ist, konnte jeder Interessierte darüber hinaus vor der Uhr, die aktuellen Planetenbewegungen am Himmel über Münster nachvollziehen und überprüfen.

Auf dem Mittelteil der Uhr sind an den Bildrändern vier kleine Zettelchen aufgemalt, die die Himmelsrichtungen angeben:

Mitte oben: Meridies (Süden, Himmelsmitte, Mittag)
Rand links: Occidens (Westen, Deszendent)
Mitte unten: Septentrio (Norden; Himmelstiefe, Mitternacht)
Rand rechts: Oriens (Osten, Aszendent)

Hier fällt auf, dass die Lage der Himmelsrichtungen für die Verhältnisse sowohl heutiger Kartenleser als auch Astrologen etwas vertauscht sind. Auf einer Karte hätte man den Norden oben erwartet bzw. auf einer Horoskopgrafik den Osten links. Korrespondierend damit lassen sich die seltsame Anordnung der Stunden auf dem Ziffernblatt und mindestens die Laufrichtung des Sonnenzeigers interpretieren. Auf den Ziffernblättern astronomischer Uhren sind häufig nicht nur 12 Stunden, sondern die 24 Äquinoktialstunden (heute gebräuchliche Stundeneinteilung) des Tages angebracht. Der Sonnenzeiger ist dabei gleichzeitig der Stundenzeiger. Er zeigt die Bewegung der Sonne über den auf den darunter liegenden Scheiben, auf denen auch die Ekliptik eingezeichnet ist, an. Auf dem Ziffernblatt läßt sich die jeweilige Stunde ablesen. In Münster sind die Ziffern für die Stunden auf dem Ziffernblatt entgegen dem Uhrzeigersinn angeordnet. Logischerweise läuft dann auch der Stundenzeiger „andersherum“. Für diese Uhr erscheint es also folgerichtig, dass die Mittagsstunde (wie bei anderen Uhren auch) angezeigt wird, wenn der Stundenzeiger auf der oberen 12 (im Süden) steht. Bis Mitternacht bewegt er sich über die linke Hälfte des Ziffernblattes zur untere 12 (Norden) weiter. Die gesamte Anordnung in sich ist vollkommen stimmig, hätte aber nicht der Mühe bedurft, die Uhr in einzigartiger Weise mit einem linkslaufenden Zeiger und umgekehrter Projektion der Himmelsrichtungen zu konstruieren. Es hätte genauso mit einer Konstruktion im Uhrzeigersinn verfahren werden können, wie bei allen anderen bekannten Uhren.

Warum also diese aufwendige Gestaltung?
Erst wenn der Standort der Uhr mit in die Betrachtung einbezogen wird, erschließt sich die gesamte Konzeption.

Als Standort für astronomische Uhren in Kirchen wurden häufig sowohl der Chor als auch das Langhaus gewählt. (Kirchen sind in der Regel nach den Himmelsrichtungen erreichtet: Nach Osten, Richtung Heiliges Land, wurde der Chor mit dem Altar ausgerichtet.) Die Blickrichtung des Betrachters auf die astronomischen Uhren konnte je nach Aufstellungsort in Richtung Osten oder auch in andere Himmelsrichtungen sein. An Rathäusern befinden sich astronomische Uhren an exponierter Stelle, um die Aufmerksamkeit eines jeden Passanten auf sich zu ziehen. Insofern mag der Standort einer astronomischen Uhr eher den Bedürfnissen der Betrachter geschuldet sein als den Erfordernissen der Anzeigen oder der Mechanik der Uhr. Hier in Münster scheint die Sache etwas anders gelagert zu sein. Wer schon einmal vor der astronomischen Uhr im Dom stand, wird spätestens bei dem Versuch, die Uhr in Ihrer Gänze auf ein Foto zu bannen, bemerkt haben, dass dies ein unmögliches Unterfangen zu sein scheint. Es ist nicht möglich, Position in entsprechender Entfernung zu Uhr zu beziehen, weil die Außenwand des Domes hinter dem Betrachter dies verhindert. Die Bemalungen des Uhrgiebels sind mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Ein anderer Aufstellungsort wäre für eine bessere Sichtbarkeit der Darstellungen hilfreich gewesen.

In Münster wurde die Uhr im südlichen Chorumgang errichtet. Ob dies hauptsächlich geschah, um die Mechanik hinter der Schauseite in der Tiefe zwischen den Pfeilern des Chorumganges zu verbergen, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist, dass sich alle Anzeigen auf dem Hauptteil der Uhr an den tatsächlichen Himmelsrichtungen orientieren. Würde man den Mittelteil der Uhr an beiden Rändern fassen und dann über sich halten, so dass man, nach oben blickend, auf die Unterseite schauen könnte, würde man darauf eine Projektion des Sternenhimmels nach den tatsächlichen Himmelsrichtungen erblicken. Die obere Kante (Süden) läge im Süden, die untere Kante (Norden) zeigte in Richtung Norden. Oder etwas profaner ausgedrückt, hat man hier, wenn man so will, den Himmelsglobus vom Himmel genommen und „als Bild an die Wand gehängt“. Auf diese Weise ist die Gestaltung der Uhr ganz wesentlich auf den Standort bezogen. Würde man die Uhr an anderer Stelle in der Kirche aufstellen, machte das Konzept der „wahren Himmelsrichtungen“ keinen Sinn.

Alle anderen Darstellungen auf der Uhr und auch die Anzeigen des Astrolabiums orientieren sich an diesem Konzept der wahren Himmelsrichtungen. So kann zum Beispiel der Aszendent am östlichen Schnittpunkt des Rete (schmiedeeisernes Rad des Astrolabiums, Restaurierung, späterer Zustand) mit dem Ekliptikring abgelesen werden. Die Planetenzeiger von Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn (mit beschriftetem Schild) und der Sonnenzeiger (mit Regenbogen auf der der Sonne gegenüberliegenden Seite) bewegen sich entgegen dem Uhrzeigersinn mit dem Lauf der Sonne von Osten über Süden nach Westen. Unter dem Rete sind verschiedene Schemata aufgebracht, mit denen durch die Bewegung des Rete die Horoskophäuser mit MC, IC etc. bestimmt werden können. Aus späterer Zeit stammt eine aufgemalte Landkarte.

 

© Foto: Stephan Kube, Greven

 

Breviarium Romanum, deutsch, 1497, Bayerische
Staatsbibliothek München, BSB Cgm 85, 9r, Ausschnitt

Der Ring mit den Tierkreiszeichen ist aufwendig ausgestaltet. Er weist Dekanate und Gradzahlen aus. Zu jedem Feld mit den Tierkreiszeichen ist das passende Symbol und ein Sternbild aufgemalt. Die Farben wurden wieder abhängig von den Elementen gewählt. Außerdem ist jedes Zeichen mit einem Zusatz versehen, der benennt, ob es sich um ein „gutes“, „schlechtes“ oder „neutrales“ Zeichen handelt. (signum bonum, signum malum, signum indifferens). Die Wasserzeichen Krebs, Skorpion und Fische wurden als neutral gekennzeichnet. Die Zeichen Widder, Waage, Schütze und Wassermann wurden als gut gekennzeichnet. Als schlechte Zeichen gelten hier die Erdzeichen Stier, Jungfrau und Steinbock. Ebenfalls als „schlecht“ wurden Zwilling und Löwe kategorisiert. Der heutige Astrologe kommt eventuell etwas durcheinander, was diese Einteilung betrifft. Er wird kein Schema ausmachen können, mit dem diese Klassifikation nachvollziehbar wäre. Lediglich die Wasserzeichen mit negativer Polarität sind hier einheitlich als „neutral“ eingestuft. Alle anderen Zeichen folgen in ihrer Zuordnung zu „schlecht“ bzw. „gut“ keiner auf den ersten Blick nachvollziehbaren Logik.

Regiomontanus, Johannes: Kalender, Augsburg, 1512
Bayer. Staatsbibliothek München [VD16 M 6539] Bild Nr. 6

Einteilungen dieser Art sind vielfach in sog. Breviarien zu finden. Brevarien sind sowohl in deutscher als auch lateinischer Sprache weit verbreitet und enthalten vor allem Gebete sowie Kalendarien mit Feiertagen, dergestalt, wie sie auch auf dem Kalenderteil der astronomischen Uhr zu finden sind. In den Kalendarien sind teilweise auch die wichtigsten planetarischen Aspekte des Jahres angegeben und die hier verwendete Aufteilung in gute, schlechte und neutrale Zeichen findet man ebenso in Kalendern der Zeit. In einem Kalender von Regiomontanus (Abb. links) sind die Tierkreiszeichen mit ihren Bewertungen zusätzlich Körperteilen zugordnet. Feine Linien verweisen von den angegebenen Zeichen auf die Körperteile. Durch diese Illustration erschließt sich der Zweck derartiger Zuordnungen, wie sie auch auf der astronomischen Uhr wiederzufinden sind. Hier wurde angegeben, wann der richtige Zeitraum zum Aderlassen ist und an welcher Stelle des Körpers man am besten das Blut im entsprechenden Monat zu entnehmen habe oder die Entnahme unterlassen sollte. Kalender mit diesen (wie wir heute sagen würden) „astromedizinischen“ Angaben waren weit verbreitet.

Die Tafeln für die Stundenherrscher links und rechts auf dem Mittelteil der Uhr folgen ebenfalls der Aufteilung der Uhr nach dem Prinzip der „wahren Himmelsrichtungen“. Als Stundenherrscher werden die Planeten bezeichnet, die den Temporalstunden[1] ab Sonnenaufgang in einer bestimmten Reihenfolge zugeordnet werden. Dabei ist die Reihenfolge der Planeten immer gleich. Für jeden Wochentag wird allerdings mit einem anderen Planeten, dem jeweils geltenden Tagesherrscher begonnen.

 

Die Anzeige der Stundenherrscher wird durch kleine rechteckige Täfelchen bewerkstelligt, die durch einen Mechanismus bewegt werden und im passend beschrifteten Feld der Tafeln links und rechts des Ziffernblattes/ Astrolabiums aufscheinen. Dabei beginnt die erste Tag-Stunde ab Sonnenaufgang rechts unten (also im Osten), das Feld für die 12. Stunde am Sonnenhöchststand (Mittag) ist auf der rechten Seite oben angebracht und die Täfelchen auf der linken Seite (Westen) folgen in ihrer Anordnung ab der 13. Stunde ab Sonnenuntergang bis zur 24. Stunde vor Sonnenaufgang. Folgt man dieser Anordnung könnte man eine Unterteilung des Astrolabiumteils in Tagseite (rechts, Osten) und Nachtseite (links, Westen) vornehmen.

Außer den astrologisch-astronomischen Parametern, wurden in den Zwickeln zwischen Ziffernblattring und Stundenherrschertafeln die vier Evangelistensymbole mit Spruchbändern[2] aufgemalt, die mit Texten aus den jeweiligen Evangelien beschriftet sind.

Zur Verdeutlichung der Kontexte hier die entsprechenden Verse in voller Länge und in Deutsch. Die auf den Spruchbändern geschriebenen Passagen sind hier durch Fettdruck hervorgehoben:

Im Osten, auf der Tagseite:
Rechts oben: Engel – Matthäus – Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben einen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. (Mt. 2,1 und 2)

Rechts unten: Löwe – Markus – Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. (Mk. 16,1 und 2)

Im Westen, auf der Nachtseite:
Links unten: Stier – Lukas – Es war um die sechste Stunde als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. (Lk. 23.44/45)

Links oben: Adler – Johannes – Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. (Joh. 11,9/10)

Entgegen der Anordnung der Stundenherrscher auf ihren Tafeln, beginnt auf der Uhr die Abbildung der Evangelistensymbole auf der Tagseite oben. Die weitere Anordnung der Symbole folgt der kanonischen Reihenfolge der Evangelien im Uhrzeigersinn.

Die christliche Symbolik nahm eine Zuordnung der Evangelistensymbole zu den vier Hauptereignissen im Leben Jesu üblicherweise so vor:

Engel – Matthäus: Inkarnation/ Geburt
Stier – Lukas / Opfertod
Löwe – Markus / Auferstehung
Adler – Johannes / Himmelfahrt

Bei der Darstellung der Evangelistensymbole auf der Uhr hat man diese Reihenfolge der Evangelien außer Acht gelassen bzw. das zweite Evangelium an dritte Stelle gesetzt und umgekehrt. Man hat bei Auswahl der Evangelientexte für die Uhr einerseits auf diese Symbolik und den heilsgeschichtlichen Kontext geachtet. Andererseits wollte man einen Bezug zur Uhr herstellen, indem Texte mit Zeitangaben verwendet wurden. So kommen die Sterndeuter (!) –die Astrologen- aus dem Osten. Die Frauen, die an seinem Grab Zeugen der Auferstehung Jesu werden, kamen bei Sonnenaufgang. Beim Tod Jesu gab es eine dreistündige Sonnenfinsternis und der gesamte Tag hat sowohl 12 Lichtstunden als auch 12 Stunden der Dunkelheit in der Nacht. Darüber hinaus hat man bei der Anordnung der Sprüche Wert darauf gelegt, die passenden Texte über den Tag bzw. den Beginn des Lebens im Osten auf der Tagseite zu plazieren und die Nachtseite im Westen ebenso passend zu illustrieren.

Der obere Giebelteil ist ebenfalls nach dem Prinzip der „wahren Himmelsrichtungen“ gegliedert. Hier werden in einer Kulisse, die als groß angelegter, zentralarchitektonischer Gebäudekomplex erscheint, Schaulustige gezeigt, die sich um das Hauptereignis in der Mitte versammelt haben.

© Foto: Stephan Kube, Greven

Byzantinische Horoskop-Grafik
nach R.G. Brand

Die Architektur scheint auf einem symmetrischen, quadratischen Grundriss zu liegen und erinnert in der Form an kreuzförmige Horoskopgrafiken, die in Byzanz ihren Ursprung haben. Dass hier im Giebelteil der Uhr eine Parallele zu einer Horoskopgrafik anklingt, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass auch in der Grafik an sich die Vierzahl (wie am Astrolabiumsteil der Uhr schon mehrmals gesehen) wiederzufinden ist. Ihre Entsprechung hat die Zahl vier in den vier Himmelsrichtungen, den vier Jahreszeiten und den vier Urqualitäten, den vier Körpersäften und den vier Temperamenten. Horoskopgrafiken verweisen auf das himmlische Jerusalem („Sie Stadt war viereckig angelegt und ebenso lang wie breit.“ Offb. 21/16). Das „himmlische Jerusalem“ wurde als ein Ort angesehen, an dem Himmel und Erde eine Verbindung eingehen.[3] Als der Ort der Verbindung von Himmel und Erde erscheint auch der Giebelteil der Uhr. In der himmlischen Idealarchitektur, die auch theaterartigen Charakter hat, versammeln sich irdische Menschen um die biblische Geburtsszene in der Mitte. Die Personen auf den Balkonen unterscheiden sich auf beiden Seiten in ihrem Aussehen und ihrer Kleidung. Im Osten (rechts) sind Astrologen (Ptolemäus? Oder Albumasar? auf dem linken Balkon der Ostseite) als Vertreter des Erdteiles Asien zu vermuten. Sie zeichnen sich aus durch eine spezielle Kleidung, die auf weit verbreiteten Holzschnitten der Zeit, den Astronomen und Philosophen zueigen war. Auf dem Balkon ganz außen befinden sich farbige Menschen. Die beiden Balkone auf der Westseite (links) zeigen „europäisch“ aussehende Menschen. Es sind wohl Bürger der Stadt Münster unter ihnen (eventuell der Maler L. tom Ring?, Bürgermeister).[4]

Es erscheint folgerichtig, dass der Figurenumlauf mittags um 12 Uhr (Höchststand der Sonne/ im Süden über dem Südteil des Astrolabiums) beginnt, indem sich die Osttür öffnet, über der in einem Medallion die personifizierte Venus als Morgenstern (!) zu sehen ist. Die Heiligen drei Könige, die auch als Personifikationen der drei Erdteile Europa, Asien und Afrika gelten, umlaufen die Maria mit Kind im Zentrum und verschwinden in der im Westen liegenden Tür, über der ein Medallion mit der Personifikation von Merkur, dem Patron der Astrologie und Astronomie, als Abendstern (!) (unwahrscheinlich: Mars) zu sehen ist. Dass Merkur zur damaligen Zeit auch als Planetenpatron von Münster gesehen wurde, muß dahingestellt bleiben.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
                    © Foto: Stephan Kube, Greven

Das Geschehen spielt sich im Zentrum der Welt (in der Mitte zwischen Osten und Westen) ab, das in diesem Kontext Bethlehem als Ort der Geburt ist. Für Bethlehem spricht, dass die Marienfigur vor einer Stallkulisse (abgedecktes Dach, Josef im Hintergrund) plaziert ist, wie sie auf unzähligen Geburtsdarstellungen der Zeit zu finden ist. Als Bekrönungsfigur auf dem zerfallenen Dach des angedeuteten Stalles befindet sich als Symbol der Stadt Bethlehem eine Davidstatue. David ist ebenfalls in Bethlehem geboren. Seine astrologische Entsprechung ist Jupiter. Jupiter, der Gott des Himmels und der Erde hatte viele Kinder aus seinen zahlreichen Liebesabenteuern mit Göttinnen und sterblichen Frauen. Für viele Betrachter der damaligen Zeit war sicher ebenfalls eine Interpretation dieser Symbolik in eine Richtung naheliegend, die auf „den König“ der Wiedertäufer verweist, der sich als wiedergeborener David sah und nach dessen „Vorbild“ er die Vielehe in der Stadt einführte.

Der Mittelteil des Gebäudekomplexes steht gleichermaßen für Jerusalem als Davidstadt. Doppeldarstellungen der Stadtarchitekturen von Bethlehem und Jerusalem sind im 15. Jahrhundert keine Seltenheit. So kann man annehmen, dass sich der Mittelteil dieser Architekturdarstellung nicht auf Bethlehem oder Jerusalem, sondern übergreifend auf das Heilige Land als topographisches Gebiet bezieht. Auch Weltkarten des 15. Jahrhunderts geben fast ausnahmslos Jerusalem als Mittelpunkt der Erde wieder.

Die Personifikationen von Jupiter, Merkur und Venus im Mittelteil sind in einer Dreiecksstruktur angeordnet, in der man ein großes Trigon dieser drei glücksverheißenden Planeten wiedererkennt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Münsteraner mit dieser wunderbaren Konstellation als neue zukunftsorientierte Verheißung ihre Uhr schmücken und sie an dieser Stelle über Münster und der ganzen Welt leuchten lassen wollten.

© Foto: Stephan Kube, Greven (Oben: Westseite mit Münsteranern als Stellvertreter des Erdteils Europa; Unten: Ostseite mit Astrologen und anderen Vertretern des Erdteils Asien und Afrikanern als Vertreter des dritten Erdteils)

Die vier Balkone stehen hier für die drei Erdteile. In einer von Melanchton übersetzten Version von Ptolemäus „Tetrabiblos“ findet sich eine Aufteilung der Erde in vier Quadranten, mit einer Abend Seite (Westen) mit Europa und Lybien sowie einer Morgen Seite (Osten) mit „Aquilonien“ als nördlichen Teil und „Australien“ als den uns heute bekannten südlichen Teil Asiens. Um 1540 waren seit wenigen Jahren neuartige Weltkarten im Umlauf, die erstmals den neu entdeckten vierten Kontinent Amerika mit aufführten (erstmals 1507 im Elsaß gedruckt, Martin Waldseemüller). Diese neuen Karten verwiesen aber noch immer auf die ptolemäische Einteilung in drei Kontinente. Allenfalls hat man den Küstenstreifen des neu entdeckten Kontinentes angegeben. An der Aufteilung in drei Kontinente hat man sich hier in Münster bei der Gestaltung des Giebelfeldes orientiert. Oder sollte der Junge, der auf der Brüstung im linken Feld balanciert, ein Verweis auf den noch neuen Kontinent sein, mit dem die bisherige Einteilung der Erde ins Wanken gerät?

 

 

Foto: Konrad Dahlmann, Münster

 

Von den erhaltenen astronomischen Uhren weist keine andere eine derartige Vielzahl von astronomischen Anzeigen auf, die in ihrer Gesamtheit einzig für die Erstellung von Horoskopen oder in Teilen eben für die angewandte Alltagsastrologie nützlich waren. Gestalterische Details verweisen darüber hinaus auf astrologische Entsprechungen.

Ihre einzigartige Konzeption, die die Himmelsbewegungen aller Planeten berücksichtigt und passend zum Aufstellungsort nach dem „Prinzip der wahren Himmelsrichtungen“ umgesetzt wurde, macht die astronomische Uhr im Dom zu einem einzigartigen Zeugnis für die Wichtigkeit und Allgegenwärtigkeit der Astrologie in Münster.

Wer profitierte davon hauptsächlich? Sicher war die Uhr mit ihren astronomischen Anzeigen als Hilfsmittel für Astrologen und Ärzte gedacht, die auch tagsüber und bei wolkenverhangenem Himmel allzeit eine Übersicht über die Himmelskonstellationen benötigten. Insofern war sie errichtet worden, um Ärzten und Astrologen und allen, die astrologische Informationen benötigten, als Werkzeug zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus war sie auch ein Angebot an alle Münsteraner oder Schaulustige, hier ihr Bedürfnis nach astrologischem Wissen zu stillen.

Sicher war es den Münsteranern nach der überstandenen Wiedertäuferära wichtig, die Himmelserscheinungen weiterhin in heilsgeschichtlichem Kontext zu deuten. Vielleicht war es aber nun ebenso wichtig, eine Interpretation von Himmelserscheinungen wie Finsternissen oder Kometenerscheinungen in eine neue, heilbringende Richtung zu lenken, die sich auf die richtige, „althergebrachte“ Interpretation von Religion und Astrologie beruft? Wollte man mit der Uhr ein Zeugnis darüber ablegen, dem Irrglauben der Wiedertäufer abgeschworen zu haben? Immerhin hatte sich keine der wiedertäuferischen Voraussagen bewahrheitet. Aber die astrologischen Gesetze, wie sie in den astronomischen Erscheinungen am Himmel abzulesen waren, galten nach wie vor. Die führenden „Köpfe“ der unglücksseligen Bewegung waren nun als mahnende Leichen in ihren Eisenkörben an der Lambertikirche zu sehen. Die ehemaligen Anhänger der Bewegung waren aber noch immer in der Bevölkerung der Stadt zu finden. Hatten die Münsteraner deshalb weder Kosten noch Mühen gescheut, um sich ein derartig imposantes Aushängeschild zuzulegen, das sicher über die Stadtgrenzen hinaus Bekanntheit erlangte? Wollten Sie damit Ihre Rückkehr zum rechten Glauben manifestieren? Es scheint als hätte man mit der Uhr einen wissenschaftlichen Gegenpol errichten wollen zu den unzähligen astrologischen Deutungsschriften, die in den 1520er Jahren der Endzeitstimmung überall im deutschsprachigen Raum kursierten. Statt auf Flugblättern und in Zeitschriften zu lesen, was die Interpreten prophezeiten, konnte nun jeder selbst vor die Uhr treten, sich ein eigenes Bild von den Sternenkonstellationen machen und selbst entscheiden, was die Zukunft für ihn und seine Mitbürger bereithalten würde.

Die Uhr ist auch als besonders umfassendes Beispiel des Weltbildes in der Renaissance zu sehen, in dem der Kosmos und der Mensch zwar als Schöpfung Gottes dargestellt werden, aber der Einzelne es doch zu besonderen Ehren bringen kann. Die Uhr zeigt die Vorstellung vom Universum ihrer Erbauer, die sich, geprägt von den Ereignissen aus der jüngeren Vergangenheit der Stadt, in der Einheit und Gleichstellung von Astrologie/Astronomie (Wissenschaft) und Schöpfungsgeschichte (Religion) wiederfindet. Eine Vorstellung, in der vielleicht die Auseinandersetzung mit den Theorien der Humanisten, eventuell der eines Nikolaus von Kues, verbildlicht werden sollte. Ein Anklang an die Dreiteilung der Uhr ist sicher in seinem Werk wiederzufinden, das über das Zusammenspiel von Gott, der Naturwissenschaft (Astronomie) und den Menschen Auskunft gibt.

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[1] Mit den Temporalstunden wird die Tages- bzw. Nachtzeit in 12 gleich lange Abschnitte aufgeteilt. Da die Zeit zwischen Sonnenauf- und –untergang bzw. Sonnenuntergang und –aufgang je nach Jahreszeit variiert, sind die Temporalstunden ungleich lang. An der Tag- und Nachtgleiche entsprechen sie einander. Auf der Erklärungstafel der Münsteraner Uhr werden die Temporalstunden „ungleiche Stunden“ genannt.

Die Zuordnung der Stundenherrscher und die Verfahrensweise der Zählung wird in astrologischen Werken der Zeit beschrieben. Eine Zuordnung wie in Münster findet sich beispielsweise in einem 1583 in Frankfurt erschienen Werk des Hans Orth von Bacharach: Astronomie Teutsch – Himmels Lauff, Wirkung und natürliche Influenz. Die Temporalzeit spielt eine große Rolle im Kloster- und Kirchenalltag. Nach ihr finden die Gebetszeiten statt.

[2] Die Lateinischen Texte der Spruchbänder könnten einer Vulgata (lateinischer Text des Neuen Testamentes) des Erasmus von Rotterdam entnommen sein. Erstmals erscheint diese Vulgata 1516 in Basel unter dem Titel „Novum Instrumentum“.
 
[3]Zur Horoskopgrafik und ihrer Interpretation: Rafael Gil Brand: Lehrbuch der klassischen Astrologie. Mössingen 2000, S. 65f.

[4] Die Personen auf den Balkonen wurden bereits hier beschrieben: Theodor Wieschebrink: Die astronomische Uhr im Dom zu Münster. Münster/ Westf. 1968.

Über die Autorin

Patricia Scharf

E-Mail:

Patricia Scharf, Heidelberg, beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Astrologie und hat ihre Magisterarbeit im Fach Kunstgeschichte über "Das Bildprogramm der astronomischen Uhr im Dom zu Münster" verfaßt.

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