„Geschichten hören, ist wie sehen im Dunkeln“

Interview mit Ilona Picha-Höberth

lona Picha-Höberth, geb. 1957, arbeitet als Künstlerin, freie Erzählerin, Autorin von Märchen- und Sachbüchern sowie als Fotografin. Darüber hinaus ist sie seit Anfang der 1990er Jahre als psychologische und systemische Astrologin tätig. Ihre Ausbildung absolvierte sie bei Hermann Meyer. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard Höberth leitet sie den CreAstroVerlag in Wasserburg am Inn. In ihrem Buch „Wer küsst Rapunzels Schuh?“ verbindet sie Märchen und Astrologie literarisch.

Klemens Ludwig sprach mit ihr über die Bedeutung von Märchen, deren Verbindung zur Astrologie und den großen Einfluss der Hospiz-Arbeit.

DAV: Auf unserem kommenden Kongress referierst du über „Märchen als Lebensskript im Horoskop“. Das klingt interessant, aber auch geheimnisvoll. Kannst du zunächst einmal erläutern, woher deine intensive Beschäftigung mit Märchen rührt? Geht das auf deine Kindheit zurück?

Ilona Picha-Höberth: Das war ein langer Weg, der indirekt in der Kindheit begann. Als Kind haben mich Märchen eher geängstigt. Ich habe den Mond in den Fischen und habe alles mit sehr viel Phantasie wahrgenommen. Den Sinngehalt habe ich damals noch nicht verstanden. Aber mit einer Zwillingssonne war ich natürlich auch sehr neugierig. Wie so häufig stand hinter der Angst auch eine Faszination.

DAV: Und dann hast du die Beschäftigung mit Märchen als Erwachsene wieder aufgenommen?

Ilona Picha-Höberth: Ja, aber nicht sofort. Ich bin zunächst einen ganz traditionellen Weg gegangen. Nach einer Ausbildung zur Diplom Sekretärin habe ich als Chefsekretärin gearbeitet. Damit habe ich die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Ihr Tod bedeutete einen großen Umbruch in meinem Leben.

DAV: Kannst du das näher erläutern?

Ilona Picha-Höberth: Psychologisch war die Verpflichtung vorbei, ihre Erwartungen erfüllen zu müssen. Damit war ich offen für neue Erfahrungen; und die ließen nicht lange auf sich warten, auch wenn sie nie konkret geplant waren. Ich hatte eine Freundin, deren Freund klassischer Astrologe war. Eines Tages erstellte er ohne mein Wissen ein Horoskop für mich und sagte spontan: „Du bekommst nächstes Jahr ein Kind.“ Ich war völlig geschockt. Das passte überhaupt nicht in meine damals sehr chaotische Lebenssituation. Ich fragte mich, wie kommt er nur zu einer solchen Aussage? Hin- und hergerissen zwischen Angst und Neugierde wollte ich schließlich mehr über die Astrologie erfahren, wollte verstehen und vor allem wissen, ob solche Aussagen überhaupt möglich seien.

DAV: Spannende Frage, hatte er recht mit seiner Prognose?

Ilona Picha-Höberth: Auf der physischen Ebene nicht. Ich bekam kein Kind. Seine Prognose basierte darauf, dass Jupiter durch mein fünftes Haus laufen würde. Das hat er ganz klassisch gedeutet.

Völlig daneben lag er aber nicht, denn – ausgelöst durch die Angst, die mir seine deterministische Aussage machte – fing ich an, mich intensiv mit Astrologie zu beschäftigen. Sie wurde mein Kind, mein geistiges, und sie hat mich seit dem nicht mehr losgelassen. Dabei blieb die klassische Astrologie zunächst meine Basis, später habe ich mich jedoch mehr der psychologischen Astrologie zugewandt.

DAV: Mit einer fundierten Ausbildung oder mehr im Selbststudium?

Ilona Picha-Höberth: Zunächst im Selbststudium. Ich traf auf einen Astrologen, der mir sagte, wenn du Astrologie lernen willst, müssen wir zunächst sehen, ob du überhaupt ein Talent dazu hast. Er stellte mir mehrere Aufgaben zur Aufteilung der Tierkreiszeichen, den zugehörigen Planeten, den Aspekten - im Grunde über die gesamte Komplexität des Tierkreises. Er sagte: „Wenn du alles in einer Woche auswendig kannst, hast du das Zeug dazu! Wenn nicht, lass die Finger davon, dann braucht dich die Astrologie nicht!“
Damit tauchte ich in eine Welt ein, die mich nie mehr losließ. Ich war so angetan, dass ich bereits am 4. Tag wieder vor seiner Tür stand und all seine Fragen beantwortete. Mein Lehrer wurde er jedoch nicht – er meinte nur: “Aus dir wird mal was! Jetzt kannst du anfangen zu lernen!“

So beschäftigte ich mich 6 Jahre lang mit klassischer Astrologie. Der Wunsch mit Menschen zu arbeiten wurde in der Zeit immer größer – ich merkte nur, dass mir dazu noch etwas fehlte, nämlich das Verständnis für psychologische Zusammenhänge. Und so entschloss ich mich Ende der 80er Jahre zu einer Ausbildung bei Hermann Meyer in psychologischer Astrologie.

DAV: Das klingt nach einer sehr ausgeprägten Affinität zur Astrologie.

Ilona Picha-Höberth: Auf jeden Fall, die Astrologie hat mich in jeder Weise sehr bereichert. Nicht nur, was meine persönliche Entwicklung betraf. Vor 25 Jahren habe ich auf einem Seminar von Hermann Meyer über Astrologie und Psychosomatik meinen Mann Gerhard Höberth kennengelernt. Seitdem leben und arbeiten wir zusammen.

DAV: Du bist aber nicht nur bei der Astrologie geblieben, sondern wurdest schon bald sehr vielseitig in deinen Aktivitäten.

Ilona Picha-Höberth: Ja, es gab vieles, was mich fasziniert hat, aber ich habe immer auch Verbindungen zur Astrologie geknüpft. Zum Beispiel habe ich einige Jahre in der Hospiz-Bewegung gearbeitet, Sterbe- und Trauerbegleiter ausgebildet und auch Sterbende begleitet. Es war eine intensive Erfahrung mit Menschen, die an einem Punkt waren, an denen man ihnen nichts mehr raten konnte. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt, und ich habe die Grenzen meiner eigenen Beratungsmöglichkeiten ganz anders wahrgenommen. Das habe ich auf die Astrologie übertragen. Ich hatte nicht mehr auf alles eine Antwort und lernte auch wieder auf das Schicksal zu vertrauen.

DAV: Du hast anfangs gesagt, dass auch die Märchen wieder in dein Leben getreten sind. Wie kam es dazu?

Ilona Picha-Höberth: Dabei stand ebenfalls die Hospiz-Arbeit Pate. In Märchen geht es letztlich auch um die großen Lebenskrisen, wie z.B. Sterben und Loslassen. Meine Ausbildungskurse habe ich oft nach archetypischen Märchen und Mythen konzipiert. Aber auch die Astrologie hat die Liebe zu den Märchen in mir wieder geweckt. Ich erkannte, dass beide im Grunde die Sprache der Symbole verbindet und so spürte ich bald, ‚Geschichten hören ist wie sehen im Dunkel’.

DAV: Der Untertitel deines Vortrags lautet „Wege aus der Verzauberung.“ Das könnte als Desillusionierung verstanden werden.

Ilona Picha-Höberth: Das wäre ein großes Missverständnis! Das Gegenteil ist gemeint. Wenn im Märchen jemand verzaubert wird, ist er nicht in der Lage, seinen Lebensweg zu gehen. Die Person ist gebannt, verflucht und gefangen in Zwängen. Erst wenn sie befreit wird von dem Zauber, wird sie ganz und heil. Ich habe das selbst erfahren. Mein Fische-Mond steht im dritten Haus, dem Haus der Kommunikation. Ich war also ein sehr stummes Kind. Ich hatte große Ängste, in der Öffentlichkeit zu reden. Die Astrologie (und mein Lieblingsmärchen) lehrten mich, diese Hemmung zu überwinden und zeigten mir auch die nötigen Werkzeuge. Heute lebe ich davon vor Menschen zu sprechen – als Erzählerin, Dozentin und beratende Astrologin. Märchen können solche Prozesse aufzeigen. Oder, um die große afroamerikanische Schriftstellerin Alice Walker zu zitieren: „Geschichten unterscheiden sich von einem Ratschlag darin, dass sie zum festen Bestandteil unserer Seele werden – daher heilen sie."

DAV: Was dürfen die Zuhörer von dir auf dem Kongress erwarten?

Ilona Picha-Höberth: Nach der von mir in meinem Buch „Wer küsst Rapunzels Schuh?“ aufgezeigten Methode, werde ich ein Märchen vorstellen und dazu ein Horoskop aus meiner Praxis. Mit diesen beiden Medien werde ich erklären, wie sich die Heldenreise aus dem Märchen – also die Befreiung von Verstrickungen und der Weg zum Selbst – im Horoskop widerspiegelt. Welche Probleme zieht der Held an und wie löst er sie? Wenn wir einen Lieblingshelden im Märchen haben, identifizieren wir uns unbewusst auch mit seinen Handlungen und Verhaltensweisen. Das verrät viel über uns. In der Astrologie kommt die Zeitqualität hinzu, sie ermöglicht uns die Erkenntnis alter Muster und neue Möglichkeiten zur Konfliktlösung. In meinem Kurzvortrag auf dem vergangenen Kongress habe ich den Froschkönig vorgestellt. Der Held, der in einen Frosch verzauberte Königssohn, musste zunächst einmal seine Muster erkennen und hinter sich lassen, bevor er zum wirklichen König werden konnte. Diese Botschaft ist die Basis vieler Märchen; und die der Astrologie!

DAV: Herzlichen Dank für deine Ausführungen zu der spannenden Verbindung von Astrologie und Märchen, die für viele eine große Bereicherung ist. Wir sehen deinem Vortrag im Oktober erwartungsvoll entgegen.



Mehr über Ilona Picha-Höberth und Ihre Arbeit:
www.picha-hoeberth.com