Paradoxe Plausibilität(en), Symposium von DAV und Counterpoint im April 2019

Paradoxe Plausibilität(en): Astrologische Deutung aus unterschiedlichen Perspektiven

Am 13.–14. April 2019 fand in Berlin das Symposium „Paradoxe Plausibilitäten – Astrologische Deutung aus unterschiedlichen Perspektiven“ statt. Die Initiative zu dieser Veranstaltung kam von Professor Kocku von Stuckrad und dem von ihm und Whitney A.Baumann gegründeten Zentrum „Counterpoint“. Organisiert wurde das Symposium zusammen mit dem Deutschen Astrologen-Verband (DAV).

Ziel des Symposiums war, durch Referate, Workshops und interdisziplinären Austausch der Frage nachzugehen, wie es zu der Diskrepanz kommt zwischen dem hohen Maß an Evidenz- und Plausibilitätserfahrung, welche Astrologen und ihr Klientel machen, und den verhältnismäßig geringen wissenschaftlichen Belegen für die Haltbarkeit astrologischer Wahrheitsansprüche.

Zu Beginn begrüßten Dr. Kocku von Stuckrad für Counterpoint: Navigating Knowledge und Rafael Gil Brand für den DAV die TeilnehmerInnen. Kocku von Stuckrad stellte kurz Counterpoint vor, einem interdisziplinären Forschungs-und Informationszentrum, das den Austausch und die kritische Reflektion unterschiedlicher Wissens- und Erfahrungsbereiche fördern möchte. Er erläuterte, wie es zur Idee dieses Symposiums kam, und thematisierte kurz das Verhältnis verschiedener Wissenssysteme untereinander. Rafael Gil Brand skizzierte das Verhältnis des DAV zur Wissenschaft im Laufe seiner Geschichte, ausgehend von dem von Anfang an in der DAV-Satzung erklärten Anspruch nach Wissenschaftlichkeit und nach Abgrenzung von der „Trivialastrologie“.

Der erste Vortrag von Dr. Gerhard Meyer hatte den Titel „Astrologie in wissenschaftlicher Perspektive“. Nachdem er einleitend einige Befunde zur „Astrologie-Gläubigkeit“ und die Problematik solcher Umfragen thematisierte, bot uns Gerhard Meyer einen sehr informativen Überblick über die Entwicklung der wissenschaftlichen Astrologie in Deutschland während des 20ten Jahrhunderts. Er hob besonders die Arbeit am Institut für Grenzgebiete der Psychologie von Hans Bender hervor – an dem er selbst tätig ist - das in den 50er Jahren ein großes Zuordnungsexperiment durchführte, mit durchaus positiven und dennoch unter den Erwartungen liegenden Ergebnissen für die Astrologie. Im dritten Teil seines Vortrages ging er auf die verschiedenen Gründe für das Scheitern wissenschaftlicher Untersuchungen ein, sowie auf die Entstehung von Evidenz und die verschiedenen Möglichkeiten, astrologische Effekte zu untersuchen.

Es folgte ein sehr anregender Vortrag von Dr. Christof Niederwieser mit dem Titel „Astrologie im Kontext zyklischer Prognostik – von antiken Wahrsagekalendern bis zu modernen Wirtschaftszyklen“. Zu Beginn stellte er unterschiedliche Methoden der Vorhersage dar, von der visionären Prognostik über Zeichen- und Zeitendeutung bis zu zyklischen Modellen. Letztere sind auch in den Wirtschaftswissenschaften in Gebrauch. Sehr eindrücklich zeigte Christof Niederwieser, wie der Kondratief-Zyklus mit dem Uranus-Pluto-Zyklus korreliert, und wie dieser – anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft – für die letzten Jahrzehnte sogar eine verbesserte Übereinstimmung mit den tatsächlichen Entwicklungen ergibt.

Nach der Mittagspause hörten wir den Vortrag von Dr. Ulrike Voltmer zum Thema „Astrologische Deutung und psychologische Praxis: Ähnlichkeiten und Unterschiede“. Frau Voltmer zeigte zunächst Parallelen auf zwischen dem musikalischen Erleben und der Entwicklung musikalischer Systeme im Abendland einerseits, und dem Erleben astrologisch codierter kosmischer Zusammenhänge andererseits. Dabei ging sie u.a. auf die Forschungen von Johannes Kepler zur Musik und Astrologie ein. Anhand einiger Fallbeispiele von Missbrauchsopfern, die sie therapeutisch begleitet hat, zeigte Frau Voltmer Möglichkeiten und Grenzen astrologischer Nachvollziehbarkeit gelebter Erfahrung auf, sowie die Unterschiede, die sich aus dem therapeutischen und dem astrologisch beratenden Setting ergeben.

Abschließend kam es in zwei parallelen Workshops zu einem intensiven Austausch über sozialwissenschaftliche Perspektiven der Astrologie und Prognostik einerseits, sowie über die Anwendung von Astrologie im Rahmen psychologischer Praxis andererseits.

Der Sonntag begann mit einem Vortrag von Dr. Harry Tobler mit dem Titel „Naturwissenschaftliche Ansätze: Astrophysische Zusammenhänge und alternative Wissenssysteme in der Diskussion“. Es ging dabei weniger um die Auseinandersetzung mit alternativen Wissenssystemen, als um Korrelationen zwischen den uns aus der Astrologie bekannten Bedeutungen der Planeten und ihrer astrophysikalischen Beschaffenheit, die Harry Tobler mit großer Sachkenntnis und auf unterhaltsame Art vortrug.

Den Abschluss der Vortragsreihe bildete Dr. Kocku von Stuckrads Referat „Philosophische Fragen astrologischer Hermeneutik: Erkenntnistheorien und neue Ontologien“. In diesem sehr informationsreichen Vortrag führte uns Kocku von Stuckrad durch die verschiedenen Erkenntnismodelle, die in den letzten Jahrhunderten im Abendland entstanden sind und unser Verständnis von Welt und Natur geprägt haben. Dabei zeigte er auf, wie es immer wieder Strömungen gab, die eine Distanzierung von Mensch (Beobachter) und Natur, oder eine materialistische Deutung der Phänomene kritisierten. Im letzten Teil des Vortrags erläuterte er, wie die Astrologie in diese Entwicklung hineinpasst und auf sie reagiert hat, angefangen bei der Psychologisierung der Astrologie - mit ihren Pros und Contras - bis hin zur Frage, welche „Wirkkräfte“ hinter dem senkrechten Weltbild der Astrologie stehen.

Nach der Mittagspause waren wieder zwei parallele Workshops vorgesehen, es wurde aber beschlossen, doch im gesamten Plenum die erörterten Themen zu vertiefen. Es wurden zahlreiche Aspekte diskutiert. Schwerpunkte waren u.a. unser Verständnis und die möglichen Erklärungen des astrologischen Phänomens, sowie die Frage, über welche Aspekte menschlichen Daseins die Astrologie in der Lage ist, Aussagen zu treffen.

Insgesamt war das ein sehr anregendes Symposium, in dem die Frage nach dem Selbstverständnis der Astrologie sowie ihr Verhältnis zu und ihr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit eingehender und kontroverser beleuchtet wurde, als das an größeren Kongressen möglich ist. Die Räumlichkeiten hätten etwas komfortabler sein können, die Qualität der Referate und die zentrale Lage mit reichlichem Angebot an unterschiedlichen Restaurants haben diese Mängel aber klar aufgewogen.

Leider war die ursprüngliche Absicht, einen interdisziplinären Austausch zu ermöglichen, nicht wirklich erfüllt. Das lag daran, dass so gut wie alle Anwesenden selbst AstrologInnen oder Studierende der Astrologie waren. Zwar waren mit Referenten wie Kocku von Stuckrad und Gerhard Meyer auch Vertreter der Akademie und der Forschung anwesend, aber letztlich blieben die AstrologInnen unter sich. Möglicherweise ist das ein Zeichen dafür, wie wenig ernst die Astrologie heutzutage von akademischer und wissenschaftlicher Seite genommen wird. Und vielleicht auch ein Ansporn seitens der astrologischen Gemeinschaft, daran etwas zu ändern.

Rafael Gil Brand

Über den Autor

Astrologe Rafael Gil Brand

Rafael Gil Brand

Tel: 04951-5450444
E-Mail:
Internet: www.astrologie-zentrum.net

Rafael Gil Brand, geprüfter Astrologe DAV, wurde am 2. Oktober 2015 zum 2. Vorsitzenden des Deutschen Astrologen-Verbandes gewählt. Geboren 1959 in Madrid (Spanien), ist er dort zweisprachig aufgewachsen. Seit 1980 beschäftigt er sich intensiv mit Astrologie, zunächst im Selbststudium, später an der „Escuela de Cultura Astrológica” in Madrid. Nach Abschluss dieser Ausbildung kam er nach Hamburg und studierte an der dortigen Universität Psychologie und Religionswissenschaften. Parallel dazu absolvierte er eine Ausbildung zum Gestaltherapeuten am GTS. Seit 1986 ist Rafael Gil Brand als astrologischer Berater und Kursleiter, seit 1991 auch als Psychologe und Therapeut in eigener Praxis tätig.

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