ASTROLOGIE: Astrologische Beratung, Astrologie-Ausbildungen und astrologisches Wissen beim Deutschen Astrologen-Verband e.V.

 

Seelenreise in die Tiefe der Nacht

Das Horoskop von Rainer Maria Rilke

 

Von Martin Trosbach

Rilke war ein Dichter, der immer wieder versuchte, Kosmisches in Worte zu kleiden und somit auf die Erde zu holen; ein Dichter, der die Archetypen bis ins Innerste zu erforschen suchte. Daher mag ihm von astrologischer Seite besonderes Interesse gelten. Wir sehen ein Nachthoroskop vor uns, welches, als einzigen Punkt des Achsenkreuzes, den IC betont. Damit liegt ein energetisches Zentrum am IC, eine Art Sog, die den Horoskopeigner offensichtlich „in die Tiefe“ ziehen wird, denn der IC kann ja als tiefster, dunkelster Ort der Radix, im klassischen Sinne als Grab, als Anfang und Ende verstanden werden.

Das prägende Zeichen an Rilkes IC ist Schütze, ein Sehnsuchts-Ort der Höhe, des Himmlischen, zielt doch der Schütze mit seinem Pfeil nicht nur in die Weite, sondern auch in die Höhe. Hier eröffnet sich also sofort eine höchst bedeutsame Dialektik zwischen Tiefe und Höhe, Erde und Himmel, die Rilkes dichterisches Werk grundlegend prägt. Diese Grundspannung ist umso bedeutsamer, als Rilkes Sonne und somit der Brennpunkt seiner Berufung, seines „Heldenweges“, hier zu finden ist.

Beispielhaft sei hier sein berühmtes Gedicht „Orpheus. Eurydike. Hermes“ genannt, das in sehr eigenwilliger Weise den Weg aus der Unterwelt nach oben beschreibt. Mit „Hermes“ ist hier im Übrigen auch sein AC-Herrscher Merkur/Hermes mit im lyrischen Spiel! Im Spätwerk erweitert sich der „orphische“ Blickwinkel Rilkes in seinen „Sonetten an Orpheus“ (1922) in ein weiträumiges Umkreisen der dialektischen Thematik von Leben und Tod. Inspiriert wurden diese Sonette von Wera Ouckama-Knoop, einer erst 19-jährigen Tänzerin und Künstlerin, die einige Monate vor dem Entstehen dieses Werks gestorben war. Inspiration durch eine Tote – die Lilith/Sonne-Konjunktion am IC kann wohl kaum plastischer verdeutlicht werden!

Der IC, Beginn des 4. Hauses, zeigt symbolisch Mitternacht an, wenn wir eine Horoskopgrafik als Uhr auffassen (MC =  Mittag,  IC =  Mitternacht). Das 4. Haus ist der tiefste Ort der Nachthälfte des Horoskops, die sich unter der AC/DC-Achse findet; darüber erheben sich die Taghäuser 7 bis 12. Insofern mag es nicht verwundern, dass Rilke zeitlebens das Thema der Nacht poetisch umkreiste; gerade in Bezug auf die Mysterien und dunklen Offenbarungen der Nacht. Wir fassen das 4. Haus gern als Haus der Familie und der Heimat auf; was aber, wenn sich ein Mensch heimatlos fühlt, seine Herkunft und Familienbindung ihm dunkel und vage erscheint, wie es Rilke oft ausgesprochen hat (Jupiter in Skorpion als Herrscher von 4)? Dann wird ihm eine Seelenreise in die Nacht, wird ihm die Suche nach seelischer Heimat und Geborgenheit zur dringlichen Aufgabe: eine Unternehmung, die Rilke mit poetischen Mitteln zu lösen suchte.

Das Zwillingszeichen am MC in Opposition zur Sonne legt den dichterischen Weg nahe; sein Herrscher Merkur, Planet der Dichter, steht im Haus der Kommunikation, Sprache und Schrift, in Haus 3. Das exakte Quincunx zwischen Merkur und Neptun vertieft den Charakter einer mystischen Seelenreise. Die Mystiker kennen dafür einen Topos: „Nachtmeerfahrt der Seele“. Vergessen wir nicht, dass das 4. Haus große Geheimnisse birgt. Steht die Sonne hier, am IC, dem Tor zum 4. Haus, zu den Mysterien der Ahnen, wird eine Reise in die Tiefe, ins Dunkle, zur Lebensaufgabe, zur Heldenreise.

Das Geburtshoroskop von Rainer Maria Rilke, geboren am 3. Dezember 1875 in Prag – mit der Geburtszeit 23.30 Uhr (eigene Angabe in einem Brief an die Jugendgeliebte Valerie David-Rhonfeld). Rilkes Mutter dagegen notierte, er sei kurz vor Mitternacht geboren.

Rainer Maria Rilke wurde am 3. Dezember 1875 in Prag geboren, „gegen einhalb zwölf nachts“, wie er in einem Brief an die Jugendgeliebte Valerie David-Rhonfeld notierte. Als Angehöriger der deutschen Minderheit in einer Zeit, da die tschechische Nation immer deutlicher ihre Rechte einforderte, fiel ihm zeitlebens eine nationale Identitätsfindung schwer. Seine zahlreichen Aufenthalte in verschiedensten Ländern Europas, insbesondere seine langen Aufenthalte in Paris und seine immer deutlichere Hinwendung zur französischen Sprache, in welcher er seine letzten Gedichtzyklen schrieb, zeigen diese Identitätssuche deutlich.

Nie hat er das Gefühl, wirklich dorthin zu gehören, wo er sich gerade befindet. Nach dem Untergang des k.u.k.-Imperiums bemüht er sich zwar um einen Pass der neuen tschechischen Republik und ist glücklich, ihn schließlich in den Händen zu halten, aber Heimat wird sie ihm darum nicht – wie ihm schon das alte Prag um die Jahrhundertwende nicht Heimat war. Auch damals fühlte er sich als Fremder. In Prag nimmt Rilkes Bindungslosigkeit ihren prägenden Anfang, wächst sein schließlich unüberwindliches Distanzbedürfnis zur Umwelt ([1]).

Heimat stellt sich fortan im ständigen Unterwegs her, als jenes atmosphärisch Offene, das Rilke später den Weltinnenraum nennt. Und Frauen werden ihm dabei zum Heimat-Ersatz für Momente. Aber auch das nur flüchtig und darum – wie bei Süchtigen – in wachsender Frequenz ([2]). Die Themen Reisen, Horizonterweiterung und Sinnsuche sind ja für die Schütze-Energie typisch. Das Quadrat der Sonne/Lilith-Konjunktion zum AC stellt hier eine lebenslange herausfordernde Aufgabe dar: immer wieder auf genaue und akribische Weise (Jungfrau-AC) eine „Positionsbestimmung“ vornehmen, korrigieren, wo nötig und sich vor allem auch der Verunsicherung stellen, die damit verbunden ist.

„O daß ich Werktage hätte, Lou, daß meine heimlichste Herzkammer eine Werkstatt wäre und Zelle und Zuflucht für mich; daß all dieses Mönchische in mir klostergründend würde um meiner Arbeit und Andacht willen. Daß ich nichts mehr verlöre und alles aufstellte um mich, nach Verwandtschaft und Wichtigkeit. Daß ich auferstünde, Lou! Denn ich bin zerstreut wie ein Toter in einem alten Grabe.“ ([3])

Rainer Maria Rilke

Wenn wir die Wucht dieses letzten Satzes auf uns einwirken lassen wird deutlich, wie schwerwiegend, prägend und herausfordernd die „Zerstreuung“ seiner Identität auf Rilke gelastet haben mag. Wortwörtlich präsentiert er hier die klassische Bedeutung des IC als „Grab“ und Wohnort des Alten, auch der Ahnen. Etwa in der hellenistischen Astrologie gilt weniger der Mond als Herrscher von Haus 4, sondern mehr der Saturn als Herrscher des Todes, des Alten, Verborgenen, Dunklen.

Wir befinden uns hier auf einer höchst wichtigen, verborgenen Spur, die über die Unklarheit bezüglich Rilkes nationaler Identität weit hinausgeht. Denn Rilke (Abb. rechts: um 1900, Foto: Wikipedia) hatte eine einzige Schwester, genannt Zesa, die ein Jahr vor seiner Geburt als Kleinkind früh verstorben war und die man wohl als im Unterbewusstsein prägend für jene Verlorenheiten und Sehnsüchte betrachten kann, welche Rilke ein Leben lang begleiteten.

Aus heutiger familiensystemischer Sicht war die meist unbewusste Suche nach der verlorenen Schwester ein zentrales Motiv der rilkeschen Seelenreise, die sich in vielen seiner Werke offenbart. Es wirkt so, als habe Rilke wie gebannt auf diese unsichtbare, ihm nie leiblich begegnete Schwester geblickt, ein Mädchen, dessen Tod seine Eltern zutiefst verstört haben muss. In der gesamten, äußerst umfangreichen biografischen Literatur über Rilke findet sich kaum ein Hinweis auf Zesa, wurde konsequent die Bedeutung jenes vorgeburtlichen Geschehens übersehen. Rilke selber war sich Zesas offensichtlich durchaus bewusst, denn die „jungen Toten“ sind ein konstantes Element seines Werks, insbesondere der „Duineser Elegien“. Und er dichtete schon 1901:

Aus einer Sturmnacht VIII (Berlin-Schmargendorf, 21. Januar 1901)

“In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,
das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.
Viel solche Nächte waren schon seither:
Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwer
sie frein."

Diese grundlegende Familienprägung traumatischer Natur mag wohl mit dazu geführt haben, dass Rilkes Mutter ihn die ersten fünf Jahre seines Lebens vorwiegend als Mädchen kleidete und damit seine geschlechtliche Identität zusätzlich verwirren musste. Rilkes Eltern tauften ihn „Rene Maria“, auch hierbei geschlechtliche Uneindeutigkeit, erst Lou Andreas-Salome benannte ihn um in „Rainer“, was er dann selbst übernahm. Die Auflösung der Identität blieb in zweifacher Weise ein Grundmotiv seines Werks. Einmal als tief sitzende Angst vor Verlorenheit und innerer Entfremdung (große Teile seines einzigen Romans „Malte Laurids Brigge“ kreisen um dieses Thema); zum zweiten als Sehnsucht nach neptunischer Auflösung, Aufgehen des Ich im Universum.

Dass die „Namenlosigkeit“ auch eine positiv besetzte Seite hat, garantiert in Rilkes Radix der Stier-Neptun, am Eingang zum 9. Haus stehend, der sich mit Mars und Venus in harmonischen Aspekten verbindet. Alle drei Planeten weisen aber auch gespannte Aspekte zu Merkur auf; das bringt immer wieder Zweifel, gedankliches Hadern und literarisch anspruchsvolles Überformen dieser Thematik mit sich. Noch in Rilkes rätselhaftem Grabspruch, den er sich selbst schrieb, schwingt die Sehnsucht nach Auflösung und Namenlosigkeit:

„Rose, oh reiner Widerspruch,
Lust, Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.“

Willi Nef kommentiert den Spruch im Blick auf die Rose so: „Vielleicht darf man sagen, daß in diesem wunderbaren Gebilde der Rose die Spannung unseres Lebens zwischen Sehnsucht nach Ruhe und Trieb zur Fülle des Lebens sinnbildlich gelöst erscheine". ([4]) Im Blick auf Rilkes Horoskop umformuliert: Vielleicht darf man sagen, dass im Symbol der Rose die Spannung des großen Kreuzes, das durch den Herrscher der Sonne und des IC – Jupiter – auf Rilke lastete, versöhnt und ausgeglichen werden wollte.

Man sagt, Rilkes Tod sei eingeleitet worden durch den tiefen Einstich von Dornen eines Rosenstrauches. Die Wunde hatte sich infiziert und musste ärztlich behandelt werden. Dabei wurde Rilkes Leukämie offenbar, an der er 51-jährig 1926 starb. Das große Kreuz beinhaltet die plötzlich wendende, sprunghafte Kraft des Uranus, die destruktiv-transformierende Energie von Pluto, durch Jupiter in Skorpion sich ins Sinnhafte ausdehnen wollend, und nicht zuletzt das 6. Haus, wo sich ja Krankheiten manifestieren können und wo die Mond/Saturn-Konjunktion zeigt, dass Rilkes innerem Kind tiefe Wunden zugefügt worden sein müssen.

Zyklisch immer dann, wenn eine der vier Ecken des großen Kreuzes durch Transit oder Progression ausgelöst war. Schauen wir nun auf Rilkes „persönliche Planeten“ Mond, Venus, Mars und Merkur: Mars und Venus stehen im Sextil zueinander, damit schnelle Leidenschaftlichkeit ermöglichend. Keiner von allen persönlichen Planeten aber hat das Element Erde zu bieten, so dass sich die Luft-Feuer-Mischung von Mars in Wassermann und Venus in Schütze leichter visionär-künstlerisch erleben lässt denn konkret und praktisch handhabbar. Besonders deutlich wurde dies 1901 nach der Hochzeit mit Clara und der Geburt seiner einzigen Tochter Ruth: Ein bürgerliches Familienleben ließ sich nicht realisieren, Rainer und Clara taten sich schwer, sich auf Ruth näher einzulassen, das Kind wuchs weitgehend bei den Großeltern auf. Bereits im August 1902 gingen beide – ohne Ruth – nach Paris, um dort weiter zu lernen und ihre künstlerischen Ambitionen voranzutreiben; Clara als Schülerin von Rodin, Rilke als Rodins Sekretär und unstet durch Europa Reisender und unablässig Schreibender (Merkur Quadrat Mars in Wassermann).

Mars, Venus und Merkur sind alle drei, teils gradgenau, von Neptun aspektiert. Bruno von Flüe schreibt über diese – gerade für Rilkes Beziehungsleben und Werk – hoch bedeutsame Figur: „Aus dieser Gestaltfigur heraus, die abgehoben von allen anderen Wesenskräften, in sich geschlossen und insofern rein und für sich dasteht, wird Rilke ganz wesenhaft zu einem Dichter aus der Erfahrung des Neptunischen. Ja man kann geradezu sagen: Er wird zum Sänger der Erfahrung des Neptunischen selbst.“ ([5]) Mit „Erfahrung des Neptunischen“ meint Flüe insbesondere das Grenzüberschreitende, rein „Schwingungshafte“ des Neptun, welches für Rilke immer wieder als Hintergrund-Erfahrung das Werk geprägt habe. Freilich: nicht nur das Werk, sondern eben auch Rilkes höchst vielfältiges und von immer neuen Illusionen angetriebenes Beziehungsleben.

Berühmt wurde der Kommentar von Rilkes Gönnerin Marie von Thurn und Taxis, welche ihm in einem Brief vom März 1915 den Spiegel vorzuhalten suchte („Dottor serafico“ war ihr Privatname für ihn): „Dottor Serafico!!! Eigentlich möchte ich Sie furchtbar verschimpfen — ich glaube Sie würden es nothwendig brauchen wirklich ausgezankt zu werden wie ein Baby — der Sie ja auch eines sind, obwohl dabei ein großer Dichter. Aber Dottor Serafico, jeder Mensch ist einsam, und muß es bleiben und muß es aushalten und darf nicht nachgeben und muß die Hilfe nicht in andern Menschen suchen sondern in dem geheimnisvollen Walten das wir in uns fühlen, ohne es zu kennen oder zu verstehen —. Und wer fühlte es so wie Sie, Sie Gottbegnadeter, Sie Undankbarer! Und was brauchen Sie immerfort dumme Gänse retten zu wollen, die sich selbst retten sollen — … Es kommt mir vor, D. S., daß der selige Don Juan ein Waisenknabe neben Ihnen war — Und Sie thun sich immer solche Trauerweiden aussuchen, die aber gar nicht so traurig sind in Wirklichkeit, glauben Sie mir — Sie, Sie selbst spiegeln sich in allen diesen Augen.“ ([6])

Biografisch wirkt sich das in einem immer wieder ähnlich ablaufenden Beziehungsmuster aus: Schnelles Kennenlernen, rauschhafter, teils ekstatischer Beginn mit emphatischem Austausch von Liebesbekundungen (Mars-Neptun-Phase), wenige Wochen bis Monate innige Liebesbeziehung, die dennoch bereits zuviel Nähe und Verpflichtung zu meiden sucht (Venus-Phase), Sich-Entziehen und Flucht vor zu viel Nähe (der 8. Haus-Neptun, Herrscher des 7. Hauses, gewinnt die Oberhand). Schließlich in vielen Fällen Phase vier: Briefkontakt, oft lebenslang und sehr intensiv (wie etwa mit Clara oder Lou) – die Merkur-Phase, denn Merkur ist ja in der Figur als „Analytiker“ (Merkur in Skorpion) mit assoziiert.

Im Übrigen besteht daneben ein zweites Beziehungsmuster, das Rilke gern zum Vorwurf gemacht wurde: Frauen, die ihn unterstützen, ihm Unterkunft geben und nicht zuletzt finanziell aushelfen. Die im Großen und Ganzen sehr erfreulich aspektierte Venus zeigt sich hier fördernd, ist doch auch der Gönner Jupiter ihr Herrscher. Der Vorwurf an Rilke: Er habe Frauen diesbezüglich ausgenutzt, eine negative Neptun-Entsprechung. Darüber zu urteilen, steht mir hier nicht an, vielfach wurde aber von solchen Frauen in Rückblicken ihrer Verbindung zu Rilke betont, dass sie auf künstlerisch-geistiger Ebene unglaublich von Rilke profitierten.

Außerdem war Rilke berühmt dafür, als Seelentröster zu wirken, wenngleich seine Worte oft Radikalität und große Deutlichkeit besaßen (Lilith in Aspekt zur AC/DC-Achse). Wir sehen hier auch eine Überlagerung mit dem Mond-Saturn-Komplex, der bei aller Problematik im großen Kreuz als Kraft doch eben auch Erdung und Stabilisierung durch mütterliche Frauen mit sich bringt. Hier ist z. B. an die Freundin und Verlegerin Katharina Kippenberg zu denken, die ihn zusammen mit ihrem Mann jahrzehntelang unterstützte und in jeder Hinsicht förderte, an die materiell und geistig großzügige Fürstin Marie von Thurn und Taxis, die Reform-Pädagogin Ellen Key oder nicht zuletzt an Nanny Wunderly-Volkart, die Rilkes letzte Lebensjahre hingebungsvoll begleitete und die einzige war, die er in der Endphase seiner Leukämie-Erkrankung noch an sich heran ließ.

Die Anzahl der Frauen, mit denen Rilke flirtete, sich in Beziehungen einließ, die er inspirierte oder die von ihm sich bereichert und geliebt fühlten, die ihm halfen oder denen er wiederum beistand, ist wahrlich fast unüberblickbar und rein mengenmäßig beeindruckend (auch die unglaublichen Mengen an gewechselten Briefen!). Rilkes Venus in Schütze, im Sextil angefeuert vom geistig hochaktiven Wassermann-Mars, hat hier wahrlich ganze Arbeit geleistet.

Der Mond im großen Kreuz: Hier kommen wir zum Kern von Rilkes Mutter-Komplex. Der Mond steht in Konjunktion zu Saturn, was an sich schon eine Belastung durch Schuldgefühle, moralische Enge oder gesellschaftliche Konventionen ausdrückt. Dieser Saturn ist aber zudem sehr stark und dominiert den Mond massiv; in Wassermann steht er nämlich in seinem Domizil, muss sich allerdings im großen Kreuz gegen Jupiter, Uranus und Pluto „verteidigen“ und hat somit wenig Muße, sich überhaupt mit dem Mond, dem realen oder inneren Kind, zu befassen. Jupiter, Uranus und Pluto mögen hier für störende oder überfordernde Energien stehen, die die Außenwelt dem Horoskopeigner zumutet und die er als gewaltsam und zwingend empfinden muss. Der bekannte Beginn der ersten Duineser Elegie spricht unmissverständlich von dieser Erfahrung der Überwältigung durch übermächtige Kräfte:

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ ([7])

Dass des „Schrecklichen Anfang“ es immerhin gelassen verschmäht, ganz und gar zerstörerisch zu wirken, mag aus Sicht von Rilkes Radix dem Jupiter zu verdanken sein, der in diesem schweren Kreuz, das es zu tragen gilt, bei aller Schicksalhaftigkeit doch noch eine Ahnung von der Sinnhaftigkeit dieses schweren Prozesses erwecken kann. Rilke als hypersensibles Kind hatte offensichtlich Erfahrungen traumatischer Natur verinnerlicht, die sich erst im Laufe seines Lebens freisetzten und große Anstrengungen der Bewältigung und Einordnung in seine Sicht von Leben und Tod erforderten. Aus dieser Erfahrung heraus formte Rilke einen psychologischen „kategorischen Imperativ“, der sein Spätwerk konsequent formte: „Wolle die Wandlung!“

Ein Letztes in Rilkes Radix sei hier noch betrachtet: die Herrscher des 7. Hauses, welches ja Hauptort für Beziehungen ist. Wir finden als „alten Herrscher“ Jupiter, als neuen Neptun. Beiden ist sicherlich Überschwang eigen, Neptun zusätzlich noch die Sehnsucht nach Entgrenzung und idealistischer Überhöhung. Jupiter als „alter Herrscher“ von Haus 7 in Haus 3 im Zeichen Skorpion: Dieser Jupiter, auch er auf der Nachtseite der Radix stehend, lässt Beziehung zur Innenreise werden, mit dem Anspruch auf Transformation. Im Haus der Geschwister stehend, gibt er nochmals einen Hinweis darauf, wie sehr der frühe Abbruch einer Geschwisterbeziehung, die gar nicht zustande gekommen war (Skorpion hier als Symbol des frühen Todes von Zesa), Rilkes häufig abbrechende Liebschaften geprägt hat.

Da in Haus 3 aber auch Kommunikation, Schreiben, Wissenserwerb und Sprache zuhause sind, wird deutlich, wie sehr Beziehung in aller möglichen Brüchigkeit (Jupiter im großen Kreuz!) den literarischen Weg Rilkes vorangetrieben hat. Auch die Beziehung zu sich selbst (erster Quadrant) wird zum Stoff, den Rilke lyrisch überhöht oder kaum verdeckt autobiografisch in seinem einzigen Roman, dem „Malte“, umsetzt. Das gewaltige Ringen um das Werden und den Bestand der Person an sich zeigt sich in Jupiters Eingespanntsein in das Kreuz mit Saturn/Uranus/Pluto. Die Angst vor der Vernichtung der eigenen Person, ja, vor dem Abgleiten in den Wahnsinn wird im „Malte“ zur Verlorenheit des modernen Menschen an sich, der immer wieder versucht, sich seiner existenziellen Gefährdung und Einsamkeit zu entziehen.

In dieser Werkphase findet Rilke noch nicht zu der tragenden Kraft, die sich dann im Spätwerk manifestiert. Hier ist das Motto noch: „Überstehen ist alles“, Schlusswort seines „Requiems für Graf Kalckreuth“. Der ungeheure Anspruch, den die kollektiven Archetypen des großen Kreuzes auf Rilkes Mond projizieren und via Jupiter auch ins 7. Haus transportieren, erzeugt einen lebenslangen Zwiespalt zwischen den Anforderungen einer Beziehung, die Nähe, aber auch viel Hingabe verlangt, und den großen Anforderungen seiner künstlerischen Berufung. Rilke fühlt immer wieder, dass er sein Hauptwerk, die Duineser Elegien, um die er zehn Jahre lang rang, nur in der Einsamkeit schaffen kann. Seiner letzten großen Liebe, Baladine Klossowka, genannt „Merline“, mutet er diesen Spagat immer wieder zu.

„Alles Lebendige, das Anspruch macht, stößt in mir auf ein unendliches Ihm-recht-geben, aus dessen Consequenzen ich mich dann schmerzlich wieder zurückziehen muß, wenn ich gewahre, daß sie mich völlig aufbrauchen.“. ([8])

Neptun als Herrscher von 7: Das letzte Zitat spricht eindeutig von einem neptunischen Problem: die Abgrenzung zum geliebten Du so sehr aufzugeben, dass das eigene Ich verloren zu gehen droht. Rilke spricht in diesem Zitat zwar von der Überlegung, einen Hund anzuschaffen (und wieso er es dann doch nicht tut), das Thema ist aber bei Frauenbeziehungen dasselbe: zu sehr im Schwingungs- und Emotionsfeld des anderen zu sein und sich dann irgendwann „aufgebraucht“, energetisch ausgelaugt zu fühlen, v. a. dann, wenn der geliebte Mensch selber Probleme zu bewältigen hat, nicht in seiner Mitte ist.

Weil der Neptun im 8. Haus steht, scheint Rilke hier auch in die tiefen, krisenhaften Zonen des Unterbewusstseins anderer Menschen hineingeraten zu sein. Er hatte immer wieder große Angst, in diesen Abgründen unterzugehen. Gleichzeitig kann Neptun in Verbindung mit Mars und Venus aber auf das Erotische nicht ganz verzichten. Der Versuch einer Sublimation in ein „mönchisches“ Eremitendasein ist zwar immer wieder da, hat aber selten länger Bestand. Durch Neptun erhält die Liebe für Rilke ein überaus idealistisches Gepräge – die Gegenseite: Enttäuschung, Desillusionierung und gegenseitige Einsamkeit in einem nur noch formalen Zusammensein werden aber ebenso eindringlich in seinen Briefen und in seinem dichterischen Werk angesprochen.

Auszüge aus seiner ersten Duineser Elegie lassen dieses sehr disparate, schwankende und dennoch hohe Erleben anklingen:

„Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl. Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten.“ ([9])

Typisch neptunisch: Lieber noch will er sich mit den liebenden Gefühlen Verlassener beschäftigen als mit denen, die „gestillt“ sind, will sagen: in einer zufriedenen, erfüllten Beziehung seiend. Und noch radikaler:

„Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: Wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.“ (9)

Rilkes eigene Versuche, sich „liebend von der Geliebten zu befreien“, misslangen sämtlich. Der Anspruch war zu hoch. Wir spüren in diesen Sätzen, dass Beziehung bei Rilke auf Kosmisches zielt, dass die eigentliche Beziehung, die er meint, mystischer Natur ist. Und so ist nicht zufällig sein „Stundenbuch“, in welchem das lyrische Ich als radikaler Gottsucher auftritt und ständig um eine innige Beziehung zu Gott ringt, sein erstes weithin bekanntes Buch geworden. Das Ringen um diese mystische Beziehung prägt auch Rilkes dichterisches Motiv des Engels, welcher keineswegs als christlicher Engel zu verstehen ist. Eher als Archetyp transsaturnischer Natur, den Rilke immer wieder herauszufordern sucht, der gleichzeitig ihn zu zerbrechen droht.

„Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir, ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele, wissend um euch… Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochaufschlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?“ ([10])

Die Auseinandersetzung mit diesen Archetypen, die Rilke „Engel“ nennt, ist uns Astrologen vertraut. Und so birgt sein Werk für jeden astrologisch Interessierten eine tiefe Fundgrube an kosmischen Erkenntnissen, die Rilke in wunderschöne, manchmal auch rätselhafte Sprache gekleidet hat. Lauschen wir zum Schluss Auszügen seiner letzten, der zehnten Elegie, in welcher Rilke fiktive Sternbilder kreiert hat, die symbolische Stadien seines inneren Werdegangs ausdrücken mögen:

 …Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.
Langsam nennt sie die Klage; - Hier,
siehe: den Reiter, den Stab, und das vollere Sternbild
nennen sie: Fruchtkranz. Dann, weiter, dem Pol zu:
Wiege; Weg; Das Brennende Buch; Puppe; Fenster.
Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern
einer gesegneten Hand, das klar erglänzende >M<,
das die Mütter bedeutet ...... –

Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere
Klage bis an die Talschlucht,
wo es schimmert im Mondschein:
die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
nennt sie sie, sagt; - Bei den Menschen
ist sie ein tragender Strom.“ ([11])

Die Schütze-Kraft obsiegt: Trotz aller Dunkelheit und Todesnähe schimmert hier „die Quelle der Freude“. Ein weiteres Symbol des 4. Hauses, in dem sich Rilkes Sonne ja befindet: Hier, tief unten, entspringt eine Quelle, voll heilender und segnender Kraft, die den Lebensbaum des Menschen nährt. Wer den Weg hierher wagt, ans Tor des 4. Hauses, tief in das Mysterium dieses Nachthauses hinein, wird deren stärkende Kräfte finden, sofern er sich seinen Ängsten stellt. Das wird dann allerdings Konsequenzen erfordern, um es mit den Worten Rilkes zu sagen:

„…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.

Du musst dein Leben ändern.“

(aus: „Archaischer Torso Apolls“)

 

Quellenangaben:

1 Daniel Möglich, zitiert nach mitrilkedurchdasjahr.blogspot.de, 10.11.2011, „Rilke und die Frauen“

2 Georg de Courtenay, in: mitrilkedurchdasjahr.blogspot.de, 10.11.2011, „Rilke und die Frauen“

3 zitiert nach Lou Andreas Salome, Rainer Maria Rilke, Severus Verlag 2010, S. 76

4 Willi Nef im Schweizer Rosenblatt (12/1971)

5 Bruno von Flüe, Das ganze Gesicht meiner Jahre, Kreuz Verlag 1988, S. 55

6 Ernst Zinn (Hrsg.), Rilke – Briefwechsel mit Marie von Thurn und Taxis, Insel Verlag 1986,

S. 32, Brief vom 6.3.1915

7 Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag, 2006, S. 689

8 Ernst Pfeiffer (Hrsg.), Rilke – Briefwechsel mit Lou Andreas Salome, Insel Verlag 1989, S. 457

9 Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag, 2006, Erste Elegie, S. 689 f.

10 Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag, 2006, Zweite Elegie, S. 692

11 Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag, 2006, Zehnte Elegie, S. 716

 

Martin Trosbach Kontakt: Martin Trosbach

Heilpraktiker, Psychotherapeut, Supervisor

Oberzellerstr. 43
D - 93199 Zell (bei Regensburg)
Tel.: 09468 / 906 742

E-Mail:

Internet: www.zell-seelenarbeit.de

 

Martin Trosbach ist geprüfter Astrologe DAV, Heilpraktiker und Musiklehrer am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham/Oberpfalz. Neben seiner musikalischen und pädagogischen Ausbildung (Gesang, Violoncello, Dirigieren und Musiktheater) beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Psychologie und Spiritualität. 1990 legte er die Heilpraktikerprüfung ab, absolvierte später eine fünfjährige Astrodrama-Ausbildung bei Friedel Roggenbuck. Von 2002 bis 2005 ließ er sich bei Barbara Althoff-Koch in „personaler Leibarbeit" ausbilden, einer körpertherapeutische Therapieform, welche auf der „initiatischen Therapie" Graf Dürckheims gründet. Neben Achtsamkeits-Übung, Stimmarbeit, Psyche und Familienstellen bezieht diese Therapieform auch spirituelle Ansätze, z. B. Zen, mit ein. 2012 ergänzte er seine therapeutische Ausbildung durch eine Fortbildung in „EMDR - Ganzheitliche Traumatherapie" bei Rudolf Schneider in München (Gilching). Seit 2005 arbeitet er zusammen mit seiner Frau Susanne als Therapeut, Astrologe und Heilpraktiker im „Zentrum für kreative Seelenarbeit“ in Zell bei Regensburg. 2012 gründete er dort „Ad Astra“ – Zentrum für Astrologie und Heilung, welches astrologische Beratung, Ausbildung und Fortbildungen ermöglicht.

 

Kommentare (1)

  1. Gaby

The defining sign of Rilke's IC is Sagittarius, a place of longing, the height, of the heavenly, but the Sagittarius with his arrow not only aims at the expanse, but also upwards. Here at once a highly significant dialectics between depth and...

The defining sign of Rilke's IC is Sagittarius, a place of longing, the height, of the heavenly, but the Sagittarius with his arrow not only aims at the expanse, but also upwards. Here at once a highly significant dialectics between depth and height, earth and sky, which characterizes Rilke's poetical work, opens immediately.

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