„Wir Menschen sollten lernen, unseren Gefühlen und Instinkten wieder mehr zu vertrauen“

 Zurück zum Rundbrief 

Monika Heer

„Fabelhafte Astrologie“: Interview mit Monika Heer
Moderne Fabeln, verknüpft mit astrologischen Texten – das Buch „Fabelhafte Astrologie“ will 78 Tierkreis-Archetypen zum Leben erwecken. Die Autoren Thomas Künne und Monika Heer möchten mit ihren Texten anschaulich machen, wie sich die Prinzipien der unterschiedlichen Tierkreiszeichen ergänzen. Die Texte können auch als Inspiration oder Denkanstoß bei der Deutung von Horoskopen verwendet werden. Oder Sie verwenden es als „Orakel“: Beschäftigt Sie eine bestimmte Frage, so schlagen Sie „zufällig“ eine Seite auf, als würden Sie eine Tarot-Karte ziehen (davon gibt es übrigens auch 78). Thomas Künne (geb. 1958) arbeitet als Astrologe und Berater in psychosomatischer Medizin in eigener Praxis in Limburg an der Lahn; Monika Heer (geb. 1957) leitet das DAV-Ausbildungszentrum in Bochum. Wir sprachen mit Monika Heer über Fabeln und Moral, Astrologie und Erkenntnisgewinn – und über die Frage, welche Verbindungen es zwischen Spiritualität und Wissenschaft gibt.

Buch Fabelhafte Astrologie

„Erkenne das Tier in dir und werde Mensch!“: Diese Botschaft will euer neues Buch vermitteln. Entdecken wir durch die Lektüre neue Kräfte in uns? Wie viel Tier steckt in uns allen?

Aus astrologischer Perspektive ist es das Element Wasser, nämlich unsere Instinktwelt, das uns mit den Tieren verbindet. Das Element Luft – die Fähigkeit zu denken, Ja oder Nein zu sagen, Entscheidungen zu treffen und Bewusstsein zu entwickeln – unterscheidet uns natürlich von den Tieren. Leider führt dies in der heutigen Zeit häufig dazu, dass wir den Verstand nutzen, um nicht mehr zu fühlen, vor allem schmerzhafte Gefühle oder Gefühlstabus zu rationalisieren. Mit dem Motto des Buches ist gemeint, dass wir Menschen (wieder) lernen sollten, unseren Gefühlen und Instinkten zu vertrauen. 

Dieses Buch hat zwei Autoren: Wie verlief der Schreibprozess? Wer von euch hat welchen Part übernommen?

Das Buch ist auf eine ungewöhnliche Art und Weise entstanden: Thomas hat 78 moderne Fabeln geschrieben und ich habe 78 astrologische Texte verfasst, wir haben einander vertraut und uns gegenseitig die größtmögliche Freiheit beim Schreiben zugestanden. Wir sind davon ausgegangen, dass es schon passen wird, ohne die einzelnen Kapitel jeweils aufeinander abzustimmen. Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig zu wissen, dass wir beide eine Fische-Sonne haben …

Was hat euch auf die Idee gebracht, 78 Kombinationen von Tierkreiszeichen mit Fabeln zu verknüpfen?

Die zwölf Tierkreiszeichen als Archetypen können nicht rein rational verstanden werden. Es ist wenig hilfreich, Astrologie zu studieren, indem man die Schlüsselworte wie Vokabeln auswendig lernt. Astrologie ist ein Erfahrungswissen, und da die menschliche Seele kein Buchhalter ist, versteht sie die Rätsel des Lebens in Bildern, vor allem auch in bildhaften und symbolischen Geschichten. So kamen wir auf die Idee, astrologische Texte auf kreative Weise mit 78 Fabeln zu verknüpfen.

In eurem Buch gibt es zum Beispiel die Fabel von der emsigen Hummel und dem selbstherrlichen Goldfisch. Mit welchen astrologischen Energien bringst du diese beiden Tiere in Zusammenhang?

Der selbstherrliche Goldfisch hat Löwe-Qualitäten: Le roi, c’est moi. Er empfindet sich als Krone der Schöpfung. Die emsige Hummel hingegen symbolisiert das Zwillinge-Merkur-Prinzip: Die große Leichtigkeit und Beweglichkeit eröffnet Freiräume, neue Denkräume.

Die Deutung von archetypischen Symbolen in Fabeln und Horoskopen weist einige Parallelen auf. Wie stark arbeitest du als Astrologin in der Beratung mit Fabel-Symbolen?

Als Astrologin arbeite ich eher weniger mit Fabeln, aber ich erzähle gern Geschichten aus der Mythologie, lasse Tarot-Karten betrachten oder zeige ausgewählte Kunstwerke. Auch das Kino mit seinen großartigen Geschichten fließt oft in meinen Unterricht ein. Dabei geht es mir vor allem darum, die Archetypen lebendig und erfahrbar zu machen und alle Sinne anzusprechen.

In Fabeln werden menschliche Charaktereigenschaften auf verschiedene Wesen projiziert. Astrologische Symbole verdeutlichen ebenso wie Fabelwesen unsere Licht- und Schattenseiten. Zwei verwandte Wege, das Helle und das Dunkle in eine Balance zu bringen?

Licht- und Schattenseiten kommen in Fabeln immer wieder vor. Die Astrologie ist eine von vielen Möglichkeiten, sich mit dem Potenzial des Menschen auseinanderzusetzen. Mythologie, Kunst, Literatur – alles, was bildhaft Systeme entwickelt, kann der Astrologie verwandt sein. Es ist für mich ganz klar, dass in jeder gut erzählten Geschichte auch die astrologischen Symbole und damit die Licht- und Schattenseiten des Menschen wiederzufinden sind. Alles, was spannend ist, arbeitet mit dieser Hell-Dunkel-Ambivalenz. Und letztlich ist das griechische Theater entstanden, um dem Menschen eine Möglichkeit zu geben, sich zu spiegeln.

Fabeln wollen belehren, es gibt immer eine „Moral von der Geschicht’“. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Moral einer Fabel und dem Erkenntnisgewinn, den eine gute astrologische Beratung ermöglicht?

Hier gibt es einen großen Unterschied. Wenn ich astrologisch arbeite, möchte ich nicht belehren. Ich möchte den Menschen eine Brücke bauen, damit sie selbst herausfinden, wo es für sie langgeht. Moral, finde ich, ist grundsätzlich ein etwas schwieriger Begriff. Natürlich hat jeder Mensch seine eigenen Moralvorstellungen, und auch wir Astrologen haben einen Moralkodex in Form des DAV-Berufsgelöbnisses. Aber als Astrologe sollte man es tunlichst vermeiden, sich wie ein Moralapostel zu verhalten. Denn jeder Mensch kann für sich selbst der größte Lehrer sein! Die Astrologie wirkt eher wie ein Türöffner – mir kann ein Licht der Erkenntnis aufgehen, ich kann etwas begreifen, das die ganze Zeit bereits in mir geschlummert hat. Diese Suche nach Erkenntnis unterscheidet sich erheblich von der Art und Weise, wie Fabeln eine Moral vermitteln. Die Fabel gibt ja etwas vor, während Astrologen sich eher als Hebammen der Erkenntnis begreifen.

„Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ von Ludwig Bechstein gehört zu den berühmtesten Fabeln. Wie würdest du die Charaktere dieser beiden Tiere astrologisch interpretieren?

Man könnte vielleicht die Schläue des Igels mit dem Merkur-Prinzip in Verbindung bringen. Merkur ist der Trickster. Blind und stumm vor sich hinzuarbeiten, würde dem unerlösten Saturn-Prinzip entsprechen.

Du hast Geschichte und Germanistik studiert. Im Lehrplan von Schulen nehmen Fabeln einen festen Platz ein. Hast du dich im Studium bereits intensiv mit Fabeln befasst?

Mit Fabeln habe ich mich an der Uni wenig befasst, aber ich habe von Anfang an Querverbindungen zwischen Astrologie und Wissenschaft gezogen. Während meines Studiums der Geschichte, Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie nutzte ich viele Gelegenheiten, um wissenschaftliche Inhalte mit spirituellem Gedankengut zu verknüpfen.

Kannst du uns ein Beispiel nennen?

Im Mittelalter-Hauptseminar ging es zum Beispiel um die Dichtung „Der Ackermann und der Tod“. Im Mittelpunkt dieses Textes steht die Frage, warum der Tod Menschen holt. Die Frau des Ackermannes ist unerwartet sehr jung gestorben. Als Referat-Thema habe ich mich damit befasst, wie Menschen im ausgehenden Mittelalter mit dem Tod umgegangen sind und wie der Tod in unserer heutigen Zeit gesehen wird. Ein andermal habe ich über das Runenalphabet ein Referat geschrieben. Und meine Magisterarbeit handelte von Rudolf Steiner. Ich wollte seine Ideen im historischen Kontext betrachten und nachweisen, dass Menschen, die spirituell denken, auch wissenschaftlich denken können und politisch handeln, also aktiv an der Gestaltung der Welt arbeiten und sich den Herausforderungen nicht zwangsläufig entziehen.

Dann hat das Studium dir also auch in Bezug auf die Astrologie viele Erkenntnisse vermittelt?

Ja, mir hat das Studium sehr geholfen, das, was ich in der Astrologie als wahr empfinde, in einen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Und ich konnte mich ausführlich mit der Frage befassen, warum Astrologen für verrückt erklärt werden, warum die Astrologie um 1500 noch die Königin der Wissenschaften war und heute als Aberglaube verschrien ist.

Wenn man davon ausgeht, dass auf These und Antithese auch eine Synthese folgen wird: Glaubst du, dass Wissenschaft und Astrologie, Wissenschaft und Spiritualität in Zukunft wieder mehr zusammenwachsen?

Nun, das Vernunftdenken der Aufklärung hat den Menschen viele Erkenntnisse gebracht. Aber andere Bereiche werden seitdem überwiegend ausgeklammert. Vielleicht kann jedoch in Zukunft tatsächlich eine Synthese geschehen.

Welche zeitliche Perspektive bietet sich hierfür – astrologisch betrachtet – an?

Aktuell ist Uranus bereits in das Zeichen Widder getreten. Neptun wird noch bis März 2025 im Zeichen Fische stehen. Ich glaube, dass ein Wiedererwachen der Spiritualität unter Neptun in Fische gefördert wird. Wenn alle drei äußeren Planeten über die 0-Grad-Widder-Grenze treten, werden wir vielleicht die Geburt eines neuen Zeitgeists erleben, der Wissenschaft und Spiritualität nicht mehr gegeneinander ausspielt. Pluto allerdings wird sich noch einige Jahrzehnte im 4. Quadranten aufhalten. Ich sehe die Gesamtgesellschaft seit dem Fall der Mauer – als Neptun, Uranus und Saturn im Steinbock in Konjunktion standen – in einer Umwälzung. Alle festen Strukturen lösen sich auf. Damit wird Platz für Neues geschaffen, auch wenn die Wandlungsprozesse mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sind.

„Fabelhafte Astrologie“ (Chiron Verlag, 294 Seiten, 24,90 €)
Mehr zu Monika Heer: www.astrologos.de