Interview mit Birgit Lummer

Birgit Lummer

Foto: © Birgit Lummer

Interview vom Deutschen Astrologen-Verband mit Birgit Lummer

Ich will für die Grenzen der astrologischen Beratung sensibilisieren

 

Klemens Ludwig sprach mit ihr über ihre therapeutischen Erfahrungen, die Grenzen der astrologischen Beratung und die besondere Bedeutung der Achtsamkeit.


DAV: Du hältst in Bonn den Abschlussvortrag zu einem spannenden, provokanten Thema. „Die Büchse der Pandora nicht öffnen! Die Grenzen der heutigen astrologischen Beratung“. Damit berufst du dich auf ein bemerkenswertes mythologisches Thema, denn die Öffnung von Pandoras Büchse brachte alles Unheil auf die Welt. Siehst du Beratungen so problematisch?

Birgit Lummer: Natürlich ist der Titel eine kleine Provokation, aber tatsächlich geht es mir darum, zu sensibilisieren; sensibilisieren für Grenzen der astrologischen Beratung. Ist uns bewusst, dass wir mit dem, was wir sagen, Grenzen überschreiten können? Wie weit kann ich gehen? Was kann ich sagen? Ich habe bisweilen den Eindruck, über diese Fragen wird zu wenig reflektiert.

DAV: Sprichst du nur von einer astrologischen Beratung oder generell von Therapie?

Birgit Lummer: Da ich auch psychotherapeutisch arbeite, gehen meine Erfahrungen aus beiden Bereichen, astrologische Beratung und psychotherapeutische Tätigkeit, ineinander über. Zu mir kommen Menschen in einer Krise, Menschen mit Störungen, Menschen die weder ein noch aus wissen. Manche sind suizidgefährdet. Aber das wird nicht nur mir so gehen.

Auf dem Kongress will ich natürlich für die astrologische Beratung sensibilisieren. Und Astrologen muss bewusst sein, dass ein Horoskop das Potential hat, Themen aufzudecken, die der Klient in seiner aktuellen Situation nicht verkraften kann.

DAV: Was bedeutet das dann in der Praxis?

Birgit Lummer: Es kann bedeuten, dass der Astrologe das Horoskop zur Seite legen und aus der astrologischen Deutung aussteigen muss zugunsten einer allgemeinen Lebens- und Krisenberatung.

DAV: Kannst du benennen, wann genau für dich ein solcher Fall eintritt?

Birgit Lummer: Es gibt mehrere Formen von Grenzen, an die eine astrologische Beratung stoßen kann.

Die erste ist dann erreicht, wenn ein Satz fällt wie, „eigentlich habe ich keine Lust mehr zu leben“. Das muss sehr ernst genommen werden und die weit verbreite Meinung, wer über Selbstmord redet, begehe keinen, trifft leider nicht zu. Es ist ein Hilferuf, der die Astrologie an ihre Grenze führt. Einen solchen Klienten muss ich entweder an einen Therapeuten weiter verweisen oder selbst in Behandlung nehmen, wenn ich die Fähigkeiten dazu habe.

Die zweite Grenze der Beratung sehe ich bei den zunehmenden psychischen Störungen wie Burn Out, Depression oder Borderliner und Ritzen. Ich glaube, dass zum Beispiel nicht alle Astrologen den Unterschied zwischen Burn Out und Depression kennen.

DAV: Zu der Diagnose kann die Astrologie aber durchaus etwas beisteuern.

Birgit Lummer: Auf jeden Fall. Burn Out ist für mich eine Jupiter-Störung, Depression eine Saturn-Störung und bei Borderliner sind natürlich Pluto/Mars-Themen im Spiel. Aber die große Frage ist doch, wie gehe ich damit um, wenn ich das diagnostiziert habe? Da ist für mich die Grenze.

DAV: Du hast noch von weiteren Grenzen gesprochen.

Birgit Lummer: Die dritte Grenze ist das Thema Missbrauch. Auch darauf gibt es im Horoskop Hinweise, aber ich komme bei dem Thema mit der vertrauten astrologischen Deutung eben auch an eine Grenze. Das gilt für beide Seiten. Leider gibt es so viele Frauen, die mir von Übergriffen oder Missbrauch berichten. Hier muss ein Astrologe sofort eine sehr achtsame Haltung einnehmen. Wenn der Astrologe bei entsprechenden Konstellationen nachfragt, riskiert er unter Umständen eine Re-Traumatisierung. Kann er damit dann umgehen?

Die vierte Grenze schließlich sehe ich in der Prognose.

DAV: Aber genau das dürfte der Grund sein, warum die meisten Menschen zum Astrologen kommen. Wenn du dort eine Grenze setzen willst, dürfte sich die Nachfrage nach einer Beratung bald in engen Grenzen halten.

Birgit Lummer: Natürlich ist das so. Und kein Astrologe, der seine Klienten ernst nimmt, kommt darum herum, auch prognostische Aussagen zu machen. Aber gerade dieser Bereich ist die größte Achtsamkeitsübung für den Astrologen. Wir geben die Grenzen ja in unserem eigenen Berufsgelöbnis vor. Das ist eine gute Orientierung.

Die Gefahr der "sich selbsterfüllenden Prophezeiung" ist hoch. Welche Worte wählt der Astrologe für seine Prognose? Denn die selektive Wahrnehmung des Klienten muss man immer berücksichtigen.

DAV: Bei all den Grenzen stellt sich die Frage, was ist die Alternative? Du hast schon erwähnt, die Klienten auf professionelle Therapeuten hinzuweisen. Das reicht aber möglicherweise nicht aus. Siehst du nicht sogar die Gefahr, dass viele Klienten erst recht in unseriöse Hände fallen, wenn die sog. seriösen Astrologen so viele Grenzen setzen?

Birgit Lummer: Die Gefahr sehe ich in der Tat, aber mein Plädoyer für Grenzen und Achtsamkeit bedeutet ja nicht, sich von dem Klienten gänzlich zu verabschieden. Drei Punkte sind mir in dem Zusammenhang wichtig:

Selbst gut ausgebildet zu sein und sich weiterbilden, um auch schwierige Themen über die Radixdeutung hinaus bearbeiten zu können;

Dem Klienten Vorschläge zu unterbreiten, wo er sich Hilfe suchen kann;

Den eigenen Beratungsauftrag über die unmittelbare Sitzung hinaus aufrecht zu erhalten, das heißt, dem Klienten anzubieten, sich zu melden, wenn er mit bestimmten Aussagen im Nachhinein nicht fertig wird.

DAV: Jetzt hast du so viel über Grenzen gesprochen und die Möglichkeit, wie mit Grenzthemen umgegangen werden kann. Kannst du noch ausführen, welche Kriterien für eine beispielhafte Beratung erfüllt sein müssen?

Birgit Lummer: Gerne, denn mein Plädoyer geht nicht dahin, auf Beratung zu verzichten. Die offene Zugewandtheit ist die Basis für eine vertrauensvolle Beratung. Zudem erwarte ich ein hohes Maß an Selbstreflexion. Das heißt, ich sollte meine eigenen blinden Flecken kennen. Wo bin ich nicht mehr neutral? Wo oktroyiere ich dem Gegenüber womöglich meine eigenen Themen auf? Konkretes Beispiel: Wenn eine Frau in einer Scheidungssituation zu mir kommt und ich selbst gerade eine schwierige Trennung hinter mir habe, bin ich womöglich nicht ganz die Richtige. Daraus ergibt sich, was ich im Horoskop sehe, ist immer subjektiv.

DAV: Das reizt mich zum Widerspruch. Es muss doch grundlegende Prinzipien geben, damit die Astrologie nicht zur völligen Beliebigkeit verkommt. Dann wäre Würfeln weniger aufwändig. Einem Klienten mit Widder-Mars am AC zum Beispiel wird niemand eine ruhige, gelassene und entspannte Persönlichkeit attestieren.

Birgit Lummer: Das stimmt, natürlich gibt es ein Grundgerüst, eine Basis, auf der wir unsere Aussagen machen, aber dennoch sollten wir unsere subjektive Sicht nicht unterschätzen.

DAV: Hast du noch weitere Kriterien für eine gute Beratung?

Birgit Lummer: Ein letzter Punkt ist mir noch ganz wichtig: Mir im Vorfeld darüber klar zu sein und das auch zu vermitteln, was biete ich an? Welche Grenze lege ich vorher fest? Wo positioniere ich mich? Dann wissen beide Seiten worauf sie sich einlassen.

DAV: Herzlichen Dank für die Einblicke aus deiner Praxis und deiner Erfahrung. Auf dass dein Vortrag im Oktober selbst erfahrene Astrologen sensibilisieren möge, sich intensiv mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen.

Das Interview führte Klemens Ludwig.

Über die Referentin

Birgit Lummer

Birgit Lummer

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Internet: Schule für Astrologie & Psychologie

 

 

 

 

Birgit Lummer, geboren 1964, verfügt über eine lange therapeutische Erfahrung. Sie arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis. Daneben betreibt sie eine Schule für Astrologie und Psychologie. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesprächs- und Sexualtherapie sowie astrologisch-psychologische Beratung.

Neben ihrer eigenen Praxis bietet sie zertifizierte Ausbildungen in Astrologischer Psychologie an, bildet Heilpraktiker aus und hält Vorträge. Seit 2014 ist sie Vorstandsmitglied des DAV, zunächst als Schriftführerin und heute als Schatzmeisterin.

 

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